«Wir haben höhere Ansprüche ans Sehen»

Mini Büez

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Mein Vater war schon Optiker, von da her kannte ich den Beruf sehr gut. Sein Chef hat mir eine Stelle in seinem Geschäft an­geboten, deshalb habe ich nach der Matura mit der Lehre zum Augenoptiker angefangen. Noch heute bin ich vom Beruf fasziniert. Er ist sehr vielfältig. Ich habe noch eine Weiterbildung zum Augenoptikermeister gemacht und kann deshalb auch Sehtests und Linsenanpassungen durchführen. Für den Beruf braucht es mindestens drei Zutaten: handwerkliches Geschick, ein ästhetisches Auge und ein ­gutes Gespür im Umgang mit Menschen.

Zum einen ist es ein handwerk­licher Beruf. Man lernt, wie man Gläser schleift oder Brillen zusammenbaut. Als gelernter Optiker ist man in der Lage, ein Brillengestell aus Kunststoff selbst zu bauen. Leider wird das heute nicht mehr gebraucht. Aber es gibt Optiker, die jetzt Brillen designen und entwerfen. Zum anderen hat man sehr viel mit Menschen zu tun. Ich muss meinen Kunden gut zuhören. Nicht jeder hat die gleichen Ansprüche an seine Sehhilfe. Manche brauchen sie nur fürs Lesen, andere brauchen Linsen für den Sport. Die Wünsche sind sehr vielfältig.

Ausserdem will ich meine Kunden auch gut beraten. Das ist im Verkauf sehr wichtig. Schliesslich will ich jedem Kunden die ­passende Brille für sein Gesicht anbieten. Deshalb brauche ich als Optiker ein gutes Gespür für Mode, Farben und Formen. Einer Person mit einem rundlichen Gesicht schlage ich keine runde Brille vor. Jemandem mit einem eher kantigen Gesicht dafür schon. Das macht die Gesichtszüge dann weicher. Die Ausbildung von Lehrlingen finde ich ebenfalls sehr spannend. Es ist immer wieder toll zu sehen, wie sie sich innerhalb der vier Jahre verändern. Sie kommen als Kinder und gehen als junge Erwachsene.

Das Spektrum unseres Berufes hat sich in den letzten Jahren erweitert. Mit Augendruckmessungen und Netzhautscans betreiben wir gewissermassen auch Gesundheitsvorsorge. Wir stellen keine Diagnose, aber ich erkenne oft, wenn ein Problem am Auge vorliegt, und empfehle dann meinem Kunden, dass er einen Augenarzt aufsuchen sollte. Das Gemeine an Krankheiten rund ums Auge ist oftmals, dass sie nicht schmerzhaft sind, aber gravierende Folgen haben können. Mit der Augendruckmessung beispielsweise erkenne ich, ob es Anzeichen für einen Grünen Star gibt. Mit dem Netzhautscan kann ich kontrollieren, ob alle Blutgefässe in Ordnung sind. Leider gibt es aber auch Veränderungen, die nicht mehr therapierbar sind. Dann nützt eine Brille nichts mehr, und es sind andere Lesehilfen wie eine Lupe gefragt. Ich hatte auch schon Kunden, die ­erblindet sind.

Ein häufig unentdecktes Phänomen, das grosse Auswirkungen hat, ist die sogenannte Winkelfehlsichtigkeit. Es ist auch als verstecktes Schielen bekannt. Dabei muss die Augenmuskulatur den falschen Winkel des Auges auskorrigieren, was sehr anstrengend ist. Diese Energie fehlt dann anderswo. Vor allem Kindern, die wegen Konzentrations- und Lernschwierigkeiten in der Schule grosse Mühe haben, kann mit einer entsprechenden Brillenkorrektur geholfen werden.

Heute haben wir höhere Ansprüche ans Sehen. Denn die digitale Umgebung fordert die Augen stark, weil die Bildschirme nah sind und wir viele Blickverän­derungen haben. Ich beobachte auch, dass die Kurzsichtigkeit bei Jugendlichen zunimmt. Etwa 50 Prozent der Jugendlichen bräuchten eine Brille. Meist merken sie das aber erst, wenn sie für die Fahrprüfung den Augentest machen. Für Menschen, die viel am Bildschirm arbeiten, ist es wichtig, etwa einmal in der Stunde die Augen zu entlasten. Am besten ist es, während fünf Minuten in die Ferne zu gucken. Aus dem Fenster beispielsweise.

Notiert: Sabrina Bächi