WILEN BEI NEUNFORN: Der Klangstreik

Um den Glockenturm auf dem Dach eines Bauernhauses rankt sich die Geschichte eines dickköpfigen Glöckners. Ein Streit machte vor 100 Jahren das thurgauisch-zürcherische Dorf schweizweit bekannt.

Evi Biedermann
Drucken
Teilen
Der heutige Hausbesitzer Ruedi Balmer vor der Bedienungsanlage der Glocke.

Der heutige Hausbesitzer Ruedi Balmer vor der Bedienungsanlage der Glocke.

Evi Biedermann

frauenfeld@thurgauerzeitung.ch

Wilen ist optisch ein Kleinod – und politisch eine Rarität. Es gibt fast nur Riegelhäuser im kleinen Dorf, und diese stehen teils auf Thurgauer, teils auf Zürcher Boden. Die Kantonsgrenze verläuft mitten durchs Dorf, der thurgauische Teil gehört zur Politischen Gemeinde Neunforn, der zürcherische zu Oberstammheim. Die Gemeinschaft störe das nicht, betont Gilg Stüssi. «Wir haben es gut zusammen», sagt der pensionierte Lehrer, der seit 34 Jahren in Wilen wohnt. Das war nicht immer so.

Schwierig wurde es vor allem, nachdem die Thurgauer Regierung den Staatsvertrag mit dem Kanton Zürich Ende 1886 gekündigt hatte. Bis dahin hatte Wilen eine einzige Ortsbehörde, und der Gemeindehaushalt wurde gemeinsam geführt. Fortan bildeten die beiden Ortsteile eigene Zivilgemeinden, es galten die Gesetze des Kantons, in dem man wohnte. Was das für die Wilener bedeutete und wie heftig sie zuweilen aneinandergerieten, beschreibt Markus Brühlmeier in der Stammer Chronik, die letztes Jahr nach zehnjähriger Arbeit neu erschienen ist. Die Details, die der Zürcher Historiker zusammengetragen hat und unterhaltsam schildert, erstaunen selbst Ruedi Balmer, den heutigen Besitzer des legendären Glögglihus. Just um dieses Haus rankt sich eine kuriose Geschichte, die Wilen vor rund 100 Jahren schweizweit bekannt machte.

Hausbesitzer muss am Seil ziehen

Protagonist ist der damalige Hausbesitzer, der für seine Dienste an die Dorfgemeinschaft mehr Geld wollte. Auf dem Haus lastete ein Servitut, wonach der Besitzer mehrmals am Tag sowie bei Feuersbrunst und Todesfällen die Glocke läuten musste. Der ­dafür benötigte Strick reichte bis in seine Stube hinunter. Zudem wurden in dieser Gemeindeversammlungen und Ganten durchgeführt. Mit dem Servitut hatten sich die Wilener das beidseitige Nutzungsrecht am Glögglihus gesichert, nachdem Ende 1886 ihre gemeinsame Zivilgemeinde aufgelöst worden war. Der Turm mit Glocke, Uhrwerk und Blitzableiter blieb im Besitz beider Gemeindeteile. Auch den Mesmerlohn von ungefähr 35 Franken im Jahr teilte man sich hälftig. «Mit dieser Lösung erhoffte man sich, den Gemeindenutzen am Glögglihus gerecht auf die beiden Dorfteile verteilt zu haben», fasst Brühlmeier zusammen.

Die Hoffnung blieb ein frommer Wunsch. Schon bald zahlten die Thurgauer Wilener ihren Lohnanteil nicht mehr. Sie warfen dem Hausbesitzer vor, er läute die Glocke nicht so, wie sie es sich vorstellten, und ziehe die Uhr nicht regelmässig auf. Worauf dieser das Läuten ganz unterliess. Das wiederum verärgerte die Zürcher Wilener, die ihren Lohnanteil bezahlt hatten. Schliesslich wurde ein Reglement erstellt, das die Pflichten des Glöckners festhielt. Zudem bekam er neu 50 Franken Lohn. Doch der Glöckner plante bereits den nächsten Angriff. Er forderte Geld für die Versammlungen in seiner Stube, weil er sich dadurch in seiner Privatsphäre gestört fühlte.

Als sein Gesuch abgelehnt wurde, wollte er einen Mietzins für die gemeindeeigenen Tische und Stühle, die in seiner Stube aufbewahrt wurden. So ging das weiter, und es entwickelte sich ein giftiger Streit, der dazu führte, dass der Hausbesitzer einmal das Totengeläut verweigerte, ein anderes Mal den Brandalarm oder den Zutritt zur Stube, als seine Mitbürger darin tagen wollten. Die Situation eskalierte, als diese sich nicht einschüchtern liessen. Völlig erzürnt räumte der Hausbesitzer drauf seine Stühle, sein Sofa und die Deckenlampe aus der Stube und liess die Wilener im Dunkeln stehen.

Regierungsrat soll auf Wilen einwirken

Dies alles blieb der Presse nicht verborgen, und sie verfolgte die Vorfälle mit Argusaugen. Unter dem Titel «Internationaler Mesmerstreit» liess die «Thurgauer Zeitung» 1907 mehrmals Einsender zu Wort kommen, schrieb auch redaktionelle Beiträge und empfahl in einem der Thurgauer Regierung, «auf thurgauisch Wilen einzuwirken, damit auch sie die Bagatelle von 15 Franken mehr Lohn übernehmen und der sensationelle Wilener Mesmer­streit aus den Traktanden fällt».

Auch der «Nebelspalter» berichtete über den streikenden Türmer. Der Fall endete schliesslich vor Gericht. Es wurde entschieden, der Hausbesitzer müsse für seine Dienste gerecht entlöhnt werden, worauf dieser 130 Franken erhielt. Das Recht der Gemeinde, die Stube zu benutzen, blieb bis vor vier Jahren bestehen. Das Servitut auf der Glocke jedoch besteht noch heute, so dass das Glöcklein im Glögglihus zu Wilen läutet wie eh und je. Das Seil ist längst Mechanik und Funk gewichen, doch das typische Begleitgeräusch, das beim Läuten im Gebälk entsteht, ist in der Stube noch gut hörbar. «Ich möchte das alles nicht missen», sagt Hausbesitzer Ruedi Balmer, der den Landwirtschaftsbetrieb in dritter Generation betreibt, als Nebenerwerb. «Das Geläut gehört zum Haus, zum Dorf und zu mir.»