WILDWECHSEL: Ämter sollen eine Brücke schlagen

Wie ein Riegel trennt die A1 die Lebensräume der Wildtiere. Mit einer Grünbrücke soll dieses Hindernis überwindbar gemacht werden. Doch die grösste Hürde sind die Kosten eines solchen Projekts.

Silvan Meile
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Über die Grünbrücke Fuchswies können Wildtiere die Autobahn A7 zwischen Müllheim und Kreuzlingen passieren. (Bild: Andrea Stalder)

Über die Grünbrücke Fuchswies können Wildtiere die Autobahn A7 zwischen Müllheim und Kreuzlingen passieren. (Bild: Andrea Stalder)

Silvan Meile

silvan.meile@thurgauerzeitung.ch

Martin Ebner hat seit den 1970er-Jahren ein Problem: die A1. Der Tuttwiler Jäger sah damals, wie der Bau der Autobahn von Winterthur nach St. Gallen mit ihren hohen Wildzäunen das Gebiet der Jagdgesellschaft Wängi-Heidelberg in Nord und Süd auf­teilte. Für die Tiere wurde die Strasse zum unüberwindbaren Hindernis. Denn auf den Wildwechsel nahmen damals die Autobahnbauer keine Rücksicht. Nur gerade beim Viadukt in ­Aawangen bei Aadorf, wo die Lützelmurg die Autobahn unterquert, können die Wildtiere auf die andere Seite gelangen. Ansonsten schiebt die A1 dem Wildwechsel einen Riegel. Bis heute ist das so.

Brücke als Teil der Biodiversitätsstrategie des Bundes?

An den Wildtieren geht das nicht spurlos vorbei. «Es besteht die Gefahr einer Verarmung des Genmaterials», sagt Ebner. Schon vor Jahren stellte die Jagdgesellschaft Wängi-Heidelberg bei der Teilnahme an einem nationalen Projekt fest, dass sich die Vielfalt des Genmaterials bei den Rehen in ihrem Gebiet auffallend von jenem in anderen Regionen der Schweiz unterscheidet.

Die Trennung durch die Autobahn erschwere eine natürliche Durchmischung massiv, sagt Ebner. Er wüsste, was Abhilfe schaffen würde: eine Grünbrücke über die A1 zwischen Wängi und Münchwilen. «Dafür setzte ich mich nicht als schiessender Jäger ein», stellt Ebner klar. Vielmehr gehe es ihm um das Wohl aller Wildtiere. Auch Roman Kistler, Chef des kantonalen Amtes für Jagd und Fischerei, sieht darin einen Gewinn für die Wildtiere.

Heute sind Grünbrücken beim Bau einer neuen Autobahn die Regel. Auf dem 2002 eröffneten Abschnitt zwischen Müllheim und Kreuzlingen hat es zwei Wildübergänge. Doch das Projekt an der A1 hat einen schweren Stand. Grund dafür ist vor allem das Geld. Drei Millionen Franken kostet eine 25 Meter breite Grünbrücke über die Autobahn gemäss Schätzungen des Kantons. Das schrieb der Regierungsrat im vergangenen Jahr als Antwort auf eine Einfache Anfrage des damaligen BDP-Kantonsrat Kolumban Helfenberger aus Tuttwil. Daraus wurde auch klar, dass ein möglicher Bau in weiter Ferne liegt. Gemäss damaliger Beantwortung sollte bis zu den nächsten grösseren Unterhaltsarbeiten auf diesem Abschnitt der A1 gewartet werden. Und solche seien gemäss Bundesamt für Strassen (Astra) erst im Jahr 2027 geplant. «Ich weiss nicht, ob ich die Grünbrücke noch erlebe», merkt Pensionär Ebner an.

«Das ist ein sehr später Termin», sagt Kantonsrat Toni Kappeler (Grüne, Münchwilen), wenn er an einen möglichen Bau im Jahr 2027 denkt. Der Präsident der Umweltorganisation Pro Natura Thurgau setzt sich ebenfalls für eine Grünbrücke über die A1 ein. Kappeler sieht die Biodiversitätsstrategie des Bundes als Chance. Als Massnahme daraus sei ein Autobahnübergang für das Wild denkbar. Eine ganze Liste wichtiger Massnahmen zum Thema Biodiversität im Thurgau habe er Regierungsrätin Carmen Haag, Vorsteherin des Departementes Bau und Umwelt, bereits abgegeben. Darauf befinde sich auch der Wunsch nach einer solchen Grünbrücke. «Eine zugegebenermassen teure Massnahme», sagt Kappeler. Doch dieser Engpass des Wildwechsels müsse beseitigt werden. Weil es sich um eine Brücke über eine Nationalstrasse handle, sei der Bund finanziell in der Pflicht. Doch auch der Kanton müsse sich wohl daran beteiligen.

Zu wenig bedeutsam für den Bund

Bei der Finanzierung der Brücke tut sich aber ein Graben auf. Weil ein solches Projekt über den Thurgauer A1-Abschnitt beim Bund zwar als überregional bedeutend, nicht aber von nationaler Wichtigkeit eingestuft ist, sieht sich das Bundesamt für Strassen (Astra) nicht in der Pflicht, dort eine Grünbrücke zu bezahlen, wie Martin Ebner selber in einem Mailverkehr mit dem Astra in Erfahrung brachte.

Demnach müsste also der Kanton dafür aufkommen. Das hätte – bei einem Betrag ab drei Millionen Franken – sogar eine Urnenabstimmung zur Folge. «Für die Realisierung wäre eine Baukreditbotschaft mit allfälliger Volksabstimmung erforderlich», hielt der Regierungsrat bereits in Helfenbergers Beantwortung fest. Das dürfte die Chancen zusätzlich schmälern. Beim kantonalen Tiefbauamt ist es derzeit jedenfalls kein Thema, ein konkretes Projekt auszuarbeiten, wie es auf Anfrage heisst.