WILDTIER IM THURGAU: Auf den Spuren des Wolfes

Nach über 200 Jahren ist der Wolf in den Kanton Thurgau zurückgekehrt. Vor seiner Ausrottung war er auch im östlichen Landesteil heimisch und weit verbreitet. Er wurde gefürchtet und gejagt. Flurnamen zeugen von einer konfliktreichen Vergangenheit.

Sebastian Keller
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Wölfe waren in früheren Jahrhunderten im Thurgau weit verbreitet. Heute sind sie – wie hier auf dem Bild – vor allem in Wildpärken zu sehen. (Bild: Benjamin Manser)

Wölfe waren in früheren Jahrhunderten im Thurgau weit verbreitet. Heute sind sie – wie hier auf dem Bild – vor allem in Wildpärken zu sehen. (Bild: Benjamin Manser)

Zuerst war es eine Vermutung, dann Gewissheit. Ein Wolf hat im Thurgau Schafe gerissen. Das bestätigte eine DNA-Analyse des Speichels, den das Tier hinterlassen hatte. Tatorte waren Hohentannen im östlichen Kantonsteil und Uesslingen im westlichen Thurgau. Auch im angrenzenden Zürcher Weinland entlarvte der Speichel den Wolf als Verantwortlichen für ein totes Schaf. Nun analysieren Spezialisten der Universität Lausanne das Genmaterial noch weiter. Sie wollen herausfinden, ob es sich um ein Tier handelt, das bereits in der Schweiz in Erscheinung getreten ist. Abwegig ist das nicht: Im Wallis, im Tessin und im Grenzgebiete zwischen St. Gallen und Graubünden leben Rudel dieser Wildtierart.

Schweizer Wölfe: Bis vor zwanzig Jahren galt diese Art zwischen Genfer- und Bodensee als ausgerottet. Im 20. Jahrhundert wurden wieder einzelne Tiere aus Frankreich und Italien hierzulande beobachtet und teilweise abgeschossen. Im Dezember 1978 wurde ein Wolf auf der Lenzerheide erlegt; im Mai 1990 ein Wolfsrüde im solothurnischen Hägendorf geschossen. Seit rund 20 Jahren ist eine natürliche Rückkehr des Wildtieres festzustellen. Das hängt auch mit einer Anpassung seines rechtlichen Status’ zusammen. Ausgelöst durch die Berner Konvention zählt der Wolf seit 1986 zu den streng geschützten Tierarten. Es dauerte aber fast drei Jahrzehnte, bis 2012 im Kanton Graubünden nachweislich der erste Wolf auf Schweizer Territorium zur Welt kam.

Letzte Wolfsichtung datiert um das Jahr 1800
Der Wolf war früher in seinem eigenen Land nicht willkommen. Auch im Thurgau galt er als Ärgernis, wie ein Blick in die spärlichen historischen Quellen zum Thema zeigt. «Die Geschichte des Wolfs im Thurgau harrt noch einer weiteren Aufarbeitung», sagt Hannes Geisser, Direktor des Naturmuseums Thurgau. Im Buch über die Geschichte Nussbaumens von Alfred Vögeli ist die bislang letzte Sichtung des Wildtieres im Kanton erwähnt: «Der letzte Wolf zeigte sich um 1800.» Spätere schriftliche Nachweise über das Raubtier sind nicht bekannt. Hannes Geisser sagt: «Dass er danach noch durch den Thurgau streifte, ist meiner Meinung nach eher unwahrscheinlich.» Die Art zeigte sich in der Schweiz – wenn überhaupt – nur noch in den Randregionen sowie in alpinen und voralpinen Gebieten. Die lange Abwesenheit – wohl über 200 Jahre – endete offiziell in diesem Jahr mit einem DNA-Test an der Universität Lausanne.

Vor Jahrhunderten war der Wolf im Thurgau ein ständiger Bewohner. Er habe sich besonders hartnäckig gehalten, schreibt der ehemalige Kantonsforstmeister Clemens Hagen in einem Artikel aus dem Jahr 1980, der in der Schweizerischen Jagdzeitung «Feld, Wald, Wasser» erschienen ist. Als Lauftier und ausdauernder Hetzjäger habe sich der Wolf der Verfolgung durch den Menschen immer wieder entziehen können. Auf einer Grafik wird der Wolf wie früher auch der Bär zum Standwild gezählt; er war also in einem Revier ständig präsent. Der Strich, der die Verbreitung ab Beginn der Neuzeit illustriert, wird in den folgenden Dekaden dünner und endet um das Jahr 1800. Die Ausrottung war vom Menschen gewollt. «Die Verfolgung des Wolfes zieht sich wie ein roter Faden durch die thurgauische Jagdgeschichte», schreibt Hagen. Die Menschen fürchteten sich vor dem Wildtier, sie bangten um ihr Vieh. Der Wolf stand für das Böse.

Aadorf: «Von den hungrigen Wölfen gefressen»
Erwähnungen in Thurgauer Dorfgeschichten zeigen, dass die Bevölkerung sich von Wölfen bedroht sah – sie mussten daher vertrieben werden. Für das Jahr 1571 berichtet Johann Nater in seiner Geschichte von Aadorf von einem harten Winter. «Viele Leute erfroren, andere wurden von den hungrigen Wölfen gefressen.» Die Bejagung des Tieres wurde in späteren Jahrhunderten Gesetz. So verpflichtete die thurgauische Jagdverordnung von 1641 die militärischen Einteilungsbezirke, zehn Wolfsgarne anzuschaffen. Mit diesen Netzen sollte das Wildtier eingefangen werden. «Wenn Sturm geschlagen wurde, hatte sich jeder an der Jagd auf wilde Tiere zu beteiligen», schreibt Hagen. Wer sich davor drückte, musste mit zwei Gulden Busse rechnen.

Andernorts ist von Belohnungen für erlegte Wölfe zu lesen. Auch in der Geschichte von Wigoltingen, die Gottlieb Amstein aufgeschrieben hat, wird der Wolf erwähnt. «Am 27. Februar 1656 fingen die Wachen von Wigoltingen ob Büren einen grossen Wolf und verjagten zwei weitere, nachdem sie bereits am Weihnachtstag zu Sonterswil einen Wolf verjagt hatten.» Für 1673 schreibt Junker Escher auf Schloss Wellenberg: «Die Wölfe in diesen Landen, deren es ziemlich viel haben muss, sind schon bis einen Pistolenschuss nah an das Schloss gekommen.» Wölfe hätten in der Herrschaft bereits zwei Jungpferde und «etlich gering Vieh niedergerissen». Im Buch über die Geschichte Nussbaumens ist zu lesen, dass im 17. Jahrhundert Wölfe aus Süddeutschland in die Wälder brachen, «weil infolge von Kriegswirren dort niemand mehr Zeit fand, auf sie Jagd zu machen». «Sie stürzten sich auf die Weiden, zerrissen Rosse und Kühe.» Fürsprecher des Raubtieres sind dazumal, zumindest nachweislich, keine zu finden. Die letzte Wolfsjagd in der damaligen Landgrafschaft Thurgau wurde wohl im Jahr 1746 abgehalten, schreibt Hagen in seinem Artikel. Damals erging der Ruf, im «Bichelseer-Pirg» treibe ein schreckliches Tier sein Unwesen. An der Jagd beteiligten sich auch die angrenzenden Zürcher. «Über den Jagderfolg schweigen sich die Quellen aus», kommentiert alt Kantonsforstmeister Clemens Hagen.

Von Wolfacker über Wolfsgalge bis Wolfwis
Dass der Wolf in früheren Jahrhunderten im Thurgau häufig vorkam, davon zeugen auch die vielen Flurnamen, die das Wort Wolf beinhalten. Auf der Plattform Ortsnamen.ch sind über 80 Bezeichnungen mit Wolf im ganzen Kantonsgebiet zu finden: Von Wolfacker über Wolfgrueb und Wolfhag bis Wolfwis. Martin Hannes Graf, Redaktor am Schweizerischen Idiotikon, befasst sich unter anderem mit Ortsnamen. Er sagt: «Der Flurname Wolfacker kann auf die Sichtung eines Wolfes hindeuten.» Beobachtungen in der Natur seien vielfach Ursprung für Ortsbezeichnungen. Deshalb seien Bezeichnungen mit Vögeln ziemlich verbreitet.

Wobei der promovierte Sprachwissenschaftler einschränkt, dass teilweise auch der Vor- oder Nachname Wolf Ursprung sein kann. Teilweise flossen auch Handlungen in Ortsnamen ein. «Wolfsgalgen beziehen sich möglicherweise auf mittelalterliche Tierprozesse», sagt Graf. Bei diesen Prozessen sollen Tiere öffentlich getötet worden sein. Graf hat schon Skizzen gesehen. Wolfsgrueb kommt im Thurgau fünfmal vor. Diese Gruben, so wird überliefert, waren mit Ästen oder Rasenziegeln überdeckt. Lebende Schafe oder Ziegen sollten das Raubtier in die Falle locken.

Lesen Sie hier das Interview mit Gabriele Cozzi, Evolutionsbiologe der Universität Zürich.