Wiedergeburt eines Denkortes

Die Kantonshauptstadt hat 194 Jahre nach Gründung der «Lesegesellschaft zu Frauenfeld» eine neue Lesegesellschaft. Seit Anfang Oktober ist im Huber-Altbau eine aparte Lesestube eingerichtet. Initiant ist Rechtsanwalt Robert Fürer.

Mathias Frei
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Eingang zur Lesegesellschaft am Huber-Kopfbau Richtung Kantonsbibliothek. (Bild: Andrea Stalder)

Eingang zur Lesegesellschaft am Huber-Kopfbau Richtung Kantonsbibliothek. (Bild: Andrea Stalder)

FRAUENFELD. Es ist gewissermassen ein Heimkommen. Aber vor allem ist es eine Herzensangelegenheit für Robert Fürer. Im Sommer 2014 wurde die Frauenfelder Lesegesellschaft aus der Taufe gehoben, diesen Oktober ging die Lesestube im Huber-Hauptgebäude auf. Treibende Kraft ist der Frauenfelder Rechtsanwalt. Dass Fürer zudem Verwaltungsratspräsident der Liegenschaftenbesitzerin Wohnpark Promenade AG ist, kommt der Lesegesellschaft nur zugute.

Der alten Huberei ist wieder Leben und Geist eingehaucht. Zum einen stehen nun die neuen Mieter fest, zwei Ämter des Kantons (siehe Kasten). Zum anderen hat die Lesegesellschaft eine Lesestube im Erdgeschoss des Huber-Kopfbaus eingerichtet. Fürer spricht von einem «Ort des Lesens, der Bildung und der Debatte» – und schliesst damit an eine Tradition aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an.

Gegen Bücher als Luxusgut

Die 1805 gegründete Verwaltungsbibliothek des jungen Kantons Thurgau war nicht öffentlich zugänglich. Wohl war die Alphabetisierung damals noch nicht so weit fortgeschritten. Zugleich waren Bücher Ende des 18. Jahrhunderts auch Luxusgut. Landauf und landab entstanden deshalb Lesegesellschaften, welche für ihre Mitglieder Bücher und Periodika anschafften. Anfang 1821 rief der damalige Regierungsrat Johann Konrad Freyenmuth in Frauenfeld zur Gründung einer Lesegesellschaft auf. Diese erfolgte nur zwei Monate später. Die «Lesegesellschaft zu Frauenfeld» wurde jedoch einige Jahrzehnte später liquidiert.

Erste Buchhandlung der Stadt

So spricht Fürer denn auch von einer Wiedergründung der Lesegesellschaft. Und ihr Daheim findet die 40köpfige Gesellschaft dort, wo ehedem Frauenfelds erste Buchhandlung war, eben die Buchhandlung Huber in der Huberei. Dort, wo die TZ die längste Zeit ihres Bestehens ihren Verlags- und Redaktionssitz hatte – bis zum Auszug vor anderthalb Jahren. Fürer selber verdiente sich in jungen Jahren ein Sackgeld auf der Redaktion. Dass die TZ ihre Zukunft nicht mehr in der Huberei sah, bedauert er sehr. Die Lesegesellschaft steht nun für dieses Heimkommen des geschriebenen Wortes, das für Fürer eben auch ein persönliches Heimkommen ist.

In der neuen, jedoch nicht-öffentlichen Lesestube können sich Mitglieder wahrlich wie daheim fühlen. Im Eingangsbereich fällt der Blick zuerst auf die zwei bei Huber erschienenen Robert-Walser-Erstausgaben «Poetenleben» und «Der Spaziergang». Nach rechts geht's in den kleinen Lesesaal («Silentium!»), nach links in den Debattierraum («Colloquium!»). Beide Räume haben ein raffiniert zurückhaltendes Interieur nach Plänen der Sulgener Firma Erich Keller.

Nur Sachliteratur, bitte

Im Lesesaal sind Zeitungen und Zeitschriften aufgelegt, während Gespräche zwischen den grauen Bücherwänden stattfinden. Mit einer ersten Schenkung weist der Bestand derzeit 2000 Publikationen auf, aus den Bereichen Geschichte, Politik, Kunst, Musik, Architektur und Reisen. Platz hat es für ein Vielfaches an Büchern, jedoch nur Sachliteratur, keine Belletristik. Die Idee ist, dass sich die Regale der Lesegesellschaft innert Jahresfrist durch die persönlichen Bestände der Mitglieder füllen. Vollständigkeit ist für Fürer in diesem Fall kein Anspruch. Vielmehr sollen persönliche Interessen von 40 verschiedenen Menschen das Ganze ausmachen. Als Bibliothekarin zeichnet die junge Buchhändlerin Angela Inauen verantwortlich. Sie katalogisiert die Eingänge. Nach einer ersten Bestandesaufnahme werden Fürer und Inauen über allfällige Zukäufe entscheiden, etwa im Bereich der Thurgoviana.

In den Lesegesellschaften zur Gründerzeit des Schweizer Bundesstaats begegneten sich laut Fürer Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten. «Gemein war ihnen jedoch der Wille zur Bildung und zum Dialog», sagt Fürer. Das soll heute nicht anders sein.