Wie geschmiert

Nacht für Nacht belegen Silvije Emini und Nevrije Zurapi in Schlatt mehrere hundert Sandwiches für hungrige Mäuler.

Stefan Hilzinger (text), Reto Martin (bilder)
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Nevrije Zurapi dressiert Butter mit dem Spritzsack auf den halbierten Bretzeln. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Nevrije Zurapi dressiert Butter mit dem Spritzsack auf den halbierten Bretzeln. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Flinke Finger fischen Gurkenscheiben aus der Schüssel. Es ist Nacht in Schlatt bei Diessenhofen. Der Mond steht beinahe rund am Himmel. Am Buckewisweg 10 brennt Licht im Erdgeschoss. Leise surren die Lüfter der Öfen. Silvije Emini und Nevrije Zurapi teilen Brötchen mit langen Messern entzwei, legen Käse, Fleisch und Gurken darauf, klappen die Brote zu. Täglich von Mitternacht bis fünf Uhr sind sie an der Arbeit in der Volg-Bäckerei. Heute werden es zum Schluss 390 Stück sein. Verpackt, etikettiert, datiert und in Kisten versandfertig gemacht. Um 4.30 Uhr kommen die beiden Chauffeure. Sie liefern Brote und Brötchen an Läden und Tankstellenshops zwischen Diessenhofen, Schaffhausen und Winterthur aus.

Die beiden trödeln nicht und reden kaum

Die Thonmasse quillt aus dem Spritzsack. Ciabatta-Brote mit Thon. Zöpfli mit Chorizo, Bürli mit Fleischkäse. Acht, zehn Stück, ein Dutzend. Silvije Emini wirft einen Blick auf die Liste an der Wand. 28 Sorten Sandwiches hat sie im Kopf. Brot, Belag, Garnitur. «Sandwichgurken im Längsschnitt» steht auf der riesigen Konservendose des Bäckerei-Grossisten. Der französische Frischkäse mit Kräutern kommt hier in der Kilopackung daher.

Es ist hell und warm im Produktionsraum. Wände und Boden sind weiss gekachelt, der Chromstahltisch blinkt. Die beiden Frauen trödeln nicht und reden kaum. Seit anderthalb Jahren schmiert Silvije Emini in Schlatt Sandwiches, seit wenigen Monaten ist Nevrije Zurapri die zweite im Team. Jede Handbewegung sitzt. Ein Sandwich ist hier beinahe so schnell gestrichen wie gegessen. Ob sie sich schon vorher gekannt haben? Sie seien Schwestern, sagt Silvije. «So was können nur Schwestern», sagt Nevrije und lacht. Sie wohnen mit ihren Familien in Diessenhofen. Die Männer schauen zu den Kindern, gehen aus dem Haus, wenn die Frauen von der Arbeit kommen.

Weiter geht's mit Rustico-Baguettes mit Rohschinken, Laugenbretzel mit Salami, Cheesburger im Sesambun, das Sandwich des Monats für den September. Für Vegetarier oder gar Veganer ist die Auswahl eher schmal, etwa Ciabatta mit Tomaten/Mozzarella und Butterbretzel mit Frischkäse. Doch gibt es Sandwiches ohne Schweinefleisch. «Die Lyoner ist aus Geflügelfleisch», sagt Bäckerei-Leiter Christian Mutscheller. Vegi-Brote mit Gemüse werden früher oder später noch kommen, ist er überzeugt. Überhaupt seien Sandwiches je länger je mehr gefragt, sagt der Bäcker, der seit zwölf Jahren in Schlatt arbeitet.

Während Nevrije schneidet und belegt, verpackt Silvije die fertigen Sandwiches und etikettiert sie. Eine Maschine verschweisst die Plastikfolie mit leisem Klacken. Die Gestelle füllen sich mit Blechen voller Sandwiches. Daneben stehen die grauen Kisten mit den Lieferungen für vier Tankstellenshops in Diessenhofen, Marthalen, Beringen und Herblingen, wo der Grossteil der morgendlichen Produktion hinkommt. «Sie faxen uns bis 22 Uhr ihre Bestellung durch», sagt Christian Mutscheller. Die Nachfrage vom Vortag schlägt sich direkt auf die Bestellungen für den Folgetag durch. Weil die Läden immer früher öffnen, beginnen auch die Bäcker und Sandwichstreicherinnen in Schlatt früher mit ihrer Arbeit. Die Schwestern fahren mit dem Auto von Diessenhofen nach Schlatt. «Mit dem Velo wäre mir das doch zu gefährlich in der Nacht», sagt Silvije.

Tausende Brote für die Werktätigen

Die Welt hat das Eingeklemmte einem englischen Adligen zur verdanken. Einem Workaholic, der sich nicht durch Mahlzeiten von der Arbeit ablenken lassen wollte (siehe Kasten). Ein Sandwich ist ein Brot mit etwas dazwischen für zwischendurch. Futtermittelvertreter greifen über Mittag an der Tankstelle ebenso zu wie Bankangestellte zwischen zwei Terminen oder Hausfrauen zwischen Pilates-Kurs und Kindergeburtstag. Es liegt bei Journalisten angebissen neben der Tastatur und beim Lastwagenchauffeur auf dem Nebensitz.

Die Schwestern arbeiten nachts, damit andere tagsüber nicht unnötig von der Arbeit abgehalten werden. Zwischen Nacht und Morgen schmieren und belegen Frauen wie Silvije Emini und Nevrije Zurapi täglich Tausende von Broten für die Werktätigen. Manches ist in einer modernen Bäckerei zwar automatisiert, doch Sandwiches bleiben Handarbeit. «Die Sandwich-Maschine muss erst noch erfunden werden», sagt Mutscheller. So schneiden, schmieren und belegen die beiden Schwestern geschwind Baguettes, Ciabattas und Bürli. Ihre Familien stammen aus Mazedonien. Sie sind Moslems, hantieren mit Schinken, Salami und Speck. «Ich muss es ja nur anfassen und nicht essen», sagt Silvije.

Mit langer Klinge und sicherem Schnitt teilen die Frauen die Tessinerli in zwei Hälften. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Mit langer Klinge und sicherem Schnitt teilen die Frauen die Tessinerli in zwei Hälften. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Die Ernte nächtlicher Arbeit: Silvije Emini schiebt ein Blech voller Sandwiches in das Gestell. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Die Ernte nächtlicher Arbeit: Silvije Emini schiebt ein Blech voller Sandwiches in das Gestell. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Mit flinken Bewegungen legen die Frauen Fleischkäse, Gurken, Tomaten und Ei aufs Brot. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Mit flinken Bewegungen legen die Frauen Fleischkäse, Gurken, Tomaten und Ei aufs Brot. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))