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«Wie ein Gondoliere in Venedig, nur singen kann ich nicht»

Mini Büez
Silvan Meile

Es ist zwar nur eine kurze Fahrt über die Sitter östlich von Bischofszell, doch sie bleibt den Menschen lange im Gedächtnis. «Ach ja, damit bin ich als Kind schon rübergefahren!» Das bekomme ich oft zu hören, wenn ich mit den Leuten über die Gertauer Fähre spreche. Von überall her kommen Schulklassen. Für sie ist die Überfahrt ein Plausch. Sonst sind es vor allem Wanderer, die bei schönem Wetter unterwegs sind. Es ist eine Attraktion für Ausflügler. Pendler gibt es keine. Am anderen Ufer hat es eine Stahlplatte mit einem Hammer. Das erzeugt ein ganz eigenes Geräusch, das hört man auf der ganzen Gertau, unserem Hof mit Restaurant. Es ist das Signal, dass Leute auf die Fähre warten.

13 Personen haben Platz. Alle Passagiere müssen sitzen. Das ist Pflicht. Ich hingegen stehe. Ein gutes Gleichgewicht ist als Fährenkapitän wichtig. Ausserdem muss man mindestens 18 Jahre alt sein. Die Fähre ist an zwei Seilen angemacht, einem Zugseil vorne und einem Steuerseil an der Seite. Bei Hochwasser wirkt die Strömung als Antrieb. Bei niedrigem Wasserstand muss ich mehr Kraft aufwenden. Mit dem Stab stosse ich ab. So gondle ich die Leute rüber, wie ein Gondo-liere in Venedig. Nur singen, das kann ich nicht. Stattdessen schätze ich es, mit den Leuten ein paar Worte zu wechseln.

Die Sitterfähre ist ein Kulturgut. Ihre Tradition geht auf das 12. Jahrhundert zurück. Damals transportierte die Fähre Pilger zur Kapelle Degenau. Die Gemeinden Hauptwil-Gottshaus, Bischofszell und Sitterdorf unterstützen die Fähre mit einem jährlichen Beitrag. Ich finde es schön, dass die Tradition bis heute erhalten geblieben ist. Letzten Dezember habe ich den Landwirtschaftsbetrieb Gertau übernommen und festgestellt, dass der Fährbetrieb nicht im Grundbuch erwähnt ist. Das möchte ich ändern, damit es sie noch lange gibt. Auch mein Vorgänger – Herr Attinger – legte Wert darauf, dass dieser Hof von jemandem bewirtschaftet wird, der die Fähre weiter betreibt.

Drei Franken kostet die Überfahrt. Kinder bezahlen die Hälfte. Auch Velos, Kinderwagen und Hunde transportiere ich. Die Sitterfähre ist ein öffentliches Verkehrsmittel und stark vom Wetter abhängig. Am meisten Passagiere kommen am Sonntag. Dann gilt auf der Zufahrt zu unserem Restaurant ein Fahrverbot. Deshalb müssen unsere Gäste auf der anderen Flussseite parkieren. Das ganze Team in unserer Gastronomie und dem Bauernhof kann das Boot fahren. Alle Mitarbeiter werden instruiert. Reich wird man mit der Fähre nicht. Viel wertvoller ist sie mit ihrer Bekanntheit als Attraktion für unsere Gäste des Restaurants.

Der Landwirtschaftsbetrieb und das Restaurant sind stark miteinander verknüpft. Ziel ist es, dass in unserer Gastronomie die Produkte aus dem eigenen Hof angeboten werden. So können unsere Gäste sehen, woher ihr Fleisch und das Gemüse auf dem Teller kommen. Dafür planen wir auch Themenpfade. Wir werden auf unserem Hof zwischen 80 und 120 verschiedene Produkte produzieren, Fleisch, Obst, Gemüse und Kräuter.

Bei den Tieren legen wir Wert darauf, dass jedes Tier artgerecht gehalten wird, so zum Beispiel bei unseren Hasen und Mast-hennen, bei denen jedes Tier eine Fläche von 30 Quadratmetern zur Verfügung hat. Unsere Landwirtschaft ist auch ein Projekt, bei dem die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft und die Forschungsanstalt Agroscope involviert sind. Ein Thema davon ist ein neu entwickeltes herbizidfreies Anbauverfahren, das für die Hochschule spannend ist und uns zu Forschungspartnern macht. Wir wollen die Vorteile nutzen, dass sich mit einer ausgeprägten Biodiversität Pflanzen gegenseitig vor Schädlingen schützen können. Statt einzelne Kulturen grossflächig zu produzieren, sieht unser Konzept vor, mit enormer Pflanzenvielfalt zu arbeiten. Dabei muss herausgefunden werden, welches Stück Land für welche Pflanze ideal ist. Ich bin sicher, wir werden in der Gertau so auch Zitronen und Pfirsiche ernten.

Notiert: Silvan Meile

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