WIDERSTAND: Thurgauer kämpfen für den Bahnhof Wil

Kantonale und nationale Politiker aus dem Bezirk Münchwilen machen sich in einem gemeinsamen Brief an Regierungsrat Walter Schönholzer für den Bahnknoten Wil stark. Und dies mit einer markanten Forderung. Tatsächlich keimt leise Hoffnung auf.

Simon Dudle
Merken
Drucken
Teilen

In Sachen öffentlicher Verkehr sind sich die Kantone St. Gallen und Thurgau nicht immer grün. Jeder möchte für sich das beste Angebot und die schnellste Verbindung nach Zürich herausholen. Doch nun kommt ausgerechnet aus dem Thurgau Unterstützung für den Bahnknoten Wil, wo nächstes Jahr ein Angebotsabbau akzeptiert werden muss.

Alle 22 Kantonsräte aus dem Hinterthurgau und auch die nationalen Politiker Brigitte Häberli (Ständerätin, Bichelsee), Hansjörg Walter (alt Nationalrat, Wängi) und Hansjörg Brunner (Nationalrat, Eschlikon) haben einen Brief an den Thurgauer Regierungsrat Walter Schönholzer unterschrieben. In diesem fordern sie den Chef des Departementes für Inneres und Volkswirtschaft auf, sich beim zuständigen Departement des Kantons St. Gallen sowie dem Bundesamt für Verkehr für einen leistungsfähigen Bahnknoten Wil und gegen einen möglichen Leistungsabbau einzusetzen. Die markanteste der sechs Forderungen: kein Ausbau des Angebots zwischen Zürich und St. Gallen ohne Halt in Wil.

Halbleere Züge sorgen in der Äbtestadt für Frust

Konkret geht es um den «St. Galler Sprinter», der stündlich auf der Strecke St. Gallen–Zürich–Bern–Genf fährt, ohne in Wil anzuhalten. «Es ist für die Passagiere schwer verständlich, wenn dieser Sprinter halbleer vorbeifährt und der danach folgende und in Wil haltende Zug überfüllt ist», schreiben die Politiker. Doch die Planungen verlaufen nicht nach ihrem Gusto und es sind ab Ende 2018 zwei Sprinter pro Stunde vorgesehen – zumindest zur Hauptverkehrszeit am Morgen und Abend. Unabhängig vom Schreiben der Hinterthurgauer keimt nun aber Hoffnung auf. Denn es wird geprüft, ob der Sprinter künftig auch in Wil halten soll.

Wird diese «Unternehmervariante», wie sie in Planungsdokumenten heisst, Tatsache, wäre das eine markante Aufwertung für den Bahnhof Wil. Pro Stunde gäbe es ab der Äbtestadt vier Fernverkehrszüge in jede Richtung und die Bundeshauptstadt Bern wäre wieder ohne umzusteigen erreichbar. Die Fahrzeit zwischen St. Gallen und Zürich würde 59 Minuten betragen.

Die Kehrseiten der Medaille: Es gäbe keine Direktverbindung mehr ins Rheintal und die Umsteigeverbindungen auf die S-Bahnen werden als «schlecht» bezeichnet. Zudem würden die Züge den Hauptbahnhof Zürich nicht um x.00 Uhr und x.30 Uhr verlassen, sondern um x.15 Uhr und um x.45 Uhr. Das wäre wohl der gewichtigste Nachteil. Trotzdem schreiben die Politiker in ihrem Brief: «Die Unternehmervariante bietet für Wil und somit auch für den Bezirk Münchwilen den grössten Nutzen.»

Doch diese Variante steht im Gegenwind. Die vorberatende Kommission des St. Galler Kantonsrats «Erreichbarkeit St. Gallen-Bodensee/Rheintal» hat sich einhellig für die Variante «Vollknoten St. Gallen» entschieden. Dabei würde in Wil nicht angehalten, die Fahrzeit St. Gallen-Zürich auf 53 Minuten gedrückt und alle vier Fernverkehrszüge würden in Zürich aus der Anschlussgruppe x.00 Uhr und x.30 Uhr verkehren.

Ein Fünftel der Thurgauer lebt im Hinterthurgau

Ohne vorgreifen zu wollen, scheint die möglichst schnelle Verbindung zwischen den beiden Kantonshauptstädten die Maxime zu sein. Für die Hinterthurgauer Kantonsräte ist dies nicht befriedigend. Kantonsrat Toni Kappeler (Grüne, Münchwilen), der den Brief lanciert hat, sagt: «Im Hinterthurgau leben rund 50000 Personen, also knapp ein Fünftel des ganzen Kantons. Den Status quo können wir noch akzeptieren. Wenn aber auf Kosten von Wil die Direktverbindung von St. Gallen nach Zürich ausgebaut wird, geht das nicht mehr.»

Auf St. Galler Boden kommt die Hilfestellung aus dem südlichen Thurgau gut an. Urs K. Scheller, Präsident der Interessengemeinschaft Öffentlicher Verkehr Region Wil (IGOeV), sagt: «Jede Anstrengung ist hochwillkommen. Sie hilft, die Meinung der Entscheidenden in die richtige Richtung zu lenken.» Er ergänzt: «Die Geisteshaltung auf den Amtsstellen, mit denen ich im Zusammenhang mit dem Fahrplan 2019 und der darin enthaltenden Zerschlagung des Knotens Wil zu tun hatte, gilt es zu bekämpfen, damit dem unseli­gen Zustand so rasch wie möglich ein Ende bereitet werden kann.»

Simon Dudle

hinterthurgau@thurgauerzeitung.ch