Wettlauf um Glasfaser-Hoheit

Der Glasfaser gehört die Zukunft. Im Thurgau würde das Elektrizitätswerk des Kantons Thurgau (EKT) am liebsten ein offenes Netz für den ganzen Kanton bauen. Damit sind nicht alle einverstanden.

Markus Schoch
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Produktion von Glasfasern: Um Bau und Betrieb von Kommunikationsnetzen ist im Thurgau ein Seilziehen im Gange. (Bild: Ralph Ribi)

Produktion von Glasfasern: Um Bau und Betrieb von Kommunikationsnetzen ist im Thurgau ein Seilziehen im Gange. (Bild: Ralph Ribi)

arbon. Pfyn hat es vorgemacht. Im Mai des letzten Jahres gewann das Dorf die Swisscom als Partner für den Bau eines Glasfasernetzes für schnelle Verbindungen im Ortsteil Dettighofen. Es war die erste Zusammenarbeit des Telekommunikationsriesen mit einer ländlichen Gemeinde überhaupt. Im Juni gab die Gemeinde einen Kredit von 350 000 Franken frei. Bereits Ende Oktober waren alle 160 Wohnungen durch das örtliche Elektrizitätswerk angeschlossen, das meiste Einfamilienhäuser. Der Preis pro Haushalt: rund 2900 Franken.

Die Gemeinde Pfyn bezeichnet die Kooperation als Erfolgsgeschichte, auch wenn das lokale Elektrizitätswerk nach eigenen Angaben die Investition vorläufig nicht amortisieren kann. Langfristig könne ein Glasfasernetz für ein lokales Elektrizitätswerk aber zum Geschäft werden, sind die Verantwortlichen von Pfyn überzeugt.

Kabelnetze ausbauen

Doch nicht alle sind von diesem Modell gleichermassen begeistert, mit dem die Swisscom vor allem in den Städten den technologischen Anschluss an die Zukunft halten will.

Grundsätzliche Bedenken haben die Kabelnetzbetreiber. Die Swisscom verschaffe sich so Wettbewerbsvorteile auf Kosten der Allgemeinheit, kritisiert ihr Verband Swisscable. Verlegt würden jeweils vier Fasern, von denen sich die Swisscom eine oder zwei zur exklusiven Nutzung sichere. Diese Leitungen stelle sie auch Dritten zur Verfügung, zum Nachteil der Stadt- und Gemeindewerke, für die es dann umso schwieriger werde, Kunden für die eigenen Netzkapazitäten zu finden.

Gleichzeitig profitiere die Swisscom von tiefen Investitionskosten, weil sie auf den Bau eines eigenen Netzes verzichte und sich zulasten der Steuerzahler lediglich an den Baukosten beteilige. Swisscable hat darum im Mai eine Anzeige bei der Wettbewerbskommission eingereicht. Konkreter Anlass sind die Pläne in St. Gallen, wo mit Hilfe der Swisscom ein städtisches Glasfasernetz für 78 Millionen Franken erstellt werden soll.

Die Stadt St. Gallen und die Swisscom verstehen die Kritik nicht. Beide würden von der Kooperation profitieren, beteuern sie weiter. Die Behauptung von Swisscable, dass die Risiken für die Stadt steigen würden, entbehre jeder Grundlage. Die Kabelnetzbetreiber könnten die Vereinbarung gar nicht richtig beurteilen, da ihnen selber die Erfahrung im Glasfaserbereich fehle, sagt Swisscom-Sprecher Olaf Schulze.

Bereits schnelles Internet

Nach Meinung von Swisscable ist es gar nicht nötig, überall neu Glasfasern einzuziehen. Der Dachverband hält es für klüger, die bestehenden Kabelnetze kontinuierlich auszubauen. Diesen Weg geht beispielsweise das Frauenfelder Kabel-TV-Unternehmen Stafag, das seit Anfang Jahr Privat- und Geschäftskunden mit Glasfaser erschliesst. Ziel ist, ein Netz für ein Versorgungsgebiet mit 40 000 Einwohnern zu erstellen.

Die gleiche Strategie verfolgt auch Ernst Merki. Ihm gehört unter anderem die Telekabel Arbon AG. Wer wolle, bekomme von ihm heute einen Glasfaseranschluss, sagt der Unternehmer aus Egnach, der auch in der Region Rorschach und im Kanton Graubünden Kabelnetze betreibt mit insgesamt 27 000 Haushaltungen. «Wir investieren, wenn es nötig ist.» Viele Kunden von ihm hätten bereits hohe Bandbreiten für den schnellen Internetanschluss. «Wir können an den meisten Orten bereits das anbieten, was die Swisscom verspricht», sagt Merki.

Wunsch nach Pilotprojekt

90 Prozent der Haushaltungen im Einzugsgebiet seiner Firma seien am Kabelnetz. Parallel dazu ein Glasfasernetz aufzubauen, bringe nichts, zumal es auf lange Sicht nicht rentieren würde, weil es nicht ausgelastet werden könne. Denn es gebe nicht zehn Swisscom-Konkurrenten, die von den Elektrizitätswerken als mögliche Kunden immer ins Feld geführt würden.

Merki würde gerne mit einer Gemeinde ins Geschäft kommen, um zu beweisen, dass es kein Parallelnetz braucht. «Ich bin bereit, ein Pilotprojekt auf die Beine zu stellen, und zwar ohne Steuergelder.» Dafür werde er sich verpflichten, das bestehende Kabelnetz auszubauen. Über den Preis für den offenen Netzzugang lasse er mit sich verhandeln. Merki hofft, noch diesen Herbst einen Vertrag mit einer interessierten Gemeinde abschliessen zu können.

Dass ihm die Felle davonschwimmen könnten, glaubt Merki nicht. «Unsere Netze sind auf dem neuesten Stand. Wir sind konkurrenzfähig, auch preislich.»

Keine Verträge abschliessen

Anderer Meinung ist das Elektrizitätswerk des Kantons Thurgau (EKT). Es hat kürzlich alle Gemeinden angeschrieben und ihnen dringend abgeraten, mit Dritten Verträge für Bau und Betrieb eines Glasfasernetzes abzuschliessen.

«Die Entwicklung von Insellösungen geht in die falsche Richtung», sagt Verwaltungsratspräsident Rainer Sigrist. Diese Strategie habe keine Zukunft. Das Netz der Kabelnetzbetreiber sei geschlossen und werde zudem schon in ein paar Jahren bei anspruchsvollen Kunden an seine Kapazitätsgrenzen stossen, beim Swisscom-Modell kämen die Gemeinden und Städte nicht auf ihre Rechnung. «Nur zusammen haben wir eine Chance», ist Sigrist überzeugt.

Sie zu packen, sei von entscheidender Bedeutung für den Thurgau. «In der Bewertung eines Standortes haben die kommunikationstechnischen Möglichkeiten heute einen grösseren Stellenwert als geteerte Strassen», sagt Sigrist.

Lösung für ganzen Kanton?

Dem EKT schwebt als dritten Weg ein offenes Glasfasernetz für den ganzen Kanton vor.

Dabei sollen Trassee, Rohranlagen, Lichtwellenleiter und die Verkabelung in den Häusern – der sogenannte Layer 1 – im Besitz der öffentlichen Hand sein. Das EKT selber würde das Rückgrat einbringen und damit eine zentrale Stellung bekommen. «Wir haben seit 15 Jahren rund 400 Kilometer Glasfasern im Boden mit Anschluss an alle Gemeinden und in jeden Trafo.

Warum sollen wir diese Leitungen nicht Dritten für den Datentransport zur Verfügung stellen?», fragt Sigrist. Auch das technische Know-how und die Maschinen für den Netzbau seien beim EKT vorhanden.

«Es geht nicht um Machtpolitik», betont Sigrist. Das Ziel müsse sein, die beste Lösung für den Thurgau zu finden. «Wir sind deshalb im Gespräch mit der Swisscom und den Kabelnetzbetreibern, mit denen über eine gemeinsame Betreiberfirma diskutiert wird. Wir reden mit allen.»

Knackpunkt Finanzierung

Noch offen ist, wie ein kantonales Netz finanziert werden könnte. Die Investitionen gehen in die Hunderte von Millionen Franken. Sigrist geht von Erschliessungskosten im Bereich von 3000 bis 4000 Franken pro Haushalt aus. «Das EKT kann einen Beitrag leisten, den grössten Teil der Kosten müssten aber die Gemeindewerke übernehmen», stellt er klar.

Am Schluss müsse sich die Investition aber für alle lohnen – für den Provider ebenso wie die Gemeinden und das EKT. Sigrist ist überzeugt, dass bei einer gemeinsamen Lösung auch die Kunden auf ihre Kosten kommen würden. «Wir könnten günstig sein.»

In Weinfelden ist die Idee bereits auf offene Ohren gestossen. Die Gemeinde wird beim Aufbau eines kommunalen Glasfasernetzes mit dem EKT zusammenarbeiten. Auch andere signalisierten Interesse, sagt Sigrist. «Am Schluss entscheidet der Kunde», ist er sich bewusst.

Sigrist will nichts unversucht lassen, ihn von den Vorzügen einer gesamtkantonalen Lösung zu überzeugen.