Wer war eigentlich Fanny Egli?

November. Zeit des Gedenkens. Zeit für einen Gang auf den Friedhof. Wir haben eine junge Reporterin auf einen Todesacker geschickt. Nicht irgendwann. Sondern mitten in der Nacht. Zur Geisterstunde. Eine Betrachtung von Alexandra Looser (Text) und Reto Martin (Fotos).

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Grabsteine werfen lange Schatten: Nachts wird jede Lichtquelle zu einem gleissenden Sonnensystem.

Grabsteine werfen lange Schatten: Nachts wird jede Lichtquelle zu einem gleissenden Sonnensystem.

FRAUENFELD. In dieser Nacht scheinen die Strassenlaternen wie gleissende Sonnensysteme. Von der Strasse schleiche ich über Umwege zur Kirche Kurzdorf. Jede auch noch so kleine Lichtquelle scheint mir als Verräter. Es ist zwanzig vor eins – Mitternacht vorbei, Geisterstunde.

Zu Hause habe ich mich mit Strumpfhosen ausgestattet, mit Thermoshirt über T-Shirt, mit einem Pulli über dem Thermoshirt. Mantel nicht vergessen. Dick eingepackt bin ich. Habe mir Tee in einer Thermoskanne mitgenommen, Handschuhe eingepackt, eine Mütze aufgesetzt. Und noch eine Extrajacke. Sicher ist sicher. Man weiss ja nie in sternenklaren Nächten.

So strahlen über mir der Kleine und Grosse Bär. Nur wenige Scheinwerfer von vorbeifahrenden Autos lassen mich wieder in den Schatten meines Schleichweges zurückweichen. Ich schaue mich noch ein paar Mal um. Niemand da. Die Luft scheint jetzt rein zu sein. Die Kapuze tief im Gesicht husche ich Richtung Gatter. Die Klinke runterdrücken und ich wär' drin. Doch halte ich nochmals kurz inne: Eine Nacht auf dem Friedhof: Wie das wohl ist?

Dort, eine vermummte Gestalt! Stellenweise wird sie in gelboranges Laternenlicht getaucht, ihre linke Seite von den Schatten der Bäume aber in Schwarz gehüllt. Was hat diese Gestalt hier verloren? Um diese Zeit? Ich husche hinein. Gatter zu.

Wie gehorsame Statisten stehen Kreuze und Grabsteine in Reih und Glied. Jedes Grab rechteckig eingegrenzt und mit schmückenden Pflanzen versehen. Alle liegen hier in zwei Quadrate gezwungen, dazwischen ein Kiesweg, den gehe ich hinunter. Nächtliche Bühne. Bis auf meine Schritte ist alles ruhig. Wechsle auf den Rasen. Eigenartige Welt: Jedes Geräusch stört, ist auffällig.

Paradox – hier ist alles so frisch, die Bäume, die Büsche, nur ich bin ein klein wenig nervös. Jedes Blättchen, das von einem Baum fällt, registriere ich. Gegenüber einem wütenden Pfarrer hätte ich für meinen nächtlichen Ausflug keine gute Ausrede parat.

Vor der Kirche neben dem Gatter springt ein Steinfortsatz aus der Mauer. Dort lasse ich mich nieder, krame meinen Stift hervor, meinen Block, sitze hier und starre auf die Gräber.

Eigentlich ein Friedhof wie jeder andere in der Schweiz. Kaum Schnickschnack, bieder, mit traditionellen Blumen und ein paar wenigen Elektrokerzchen. Naja, typisch halt, Hauptsache nicht auffallen.

Ich gehe um die Gräber herum. Komisch. Sie tragen ja alle Nummern. Wozu wohl? Der Einuhrschlag der Kirchenglocke reisst mich aus den Gedanken, Herrgott, bin ich erschrocken!

Zurück auf meinem Nachtposten bei der Mauer – ein wenig Tee für meine schreckhafte Seele und die tauben Finger. Wird mir gut tun.

Ein grosses Stück Rasen liegt hier noch brach. Kleine Tauperlen glänzen bereits. Ich betrachte die Grabsteine von hinten. Nebel schleicht sich jetzt heran. Schwaden legen sich wie Watte um die Steine. Ich ziehe meinen Mantel ein wenig enger und nippe an meinem Tee: Was mache ich denn hier? Über den Tod nachdenken. Wie geht das?

Einen Steinwurf von mir entfernt, entdecke ich ein Grab. Nicht höher als ein Lineal, ganz in weiss steht es an der Mauer, die den Friedhof von der Kirche trennt. Wahrscheinlich ein Kindergrab. Es schaudert mich jetzt doch. Gänsehaut. Die Neugier treibt mich trotzdem dazu, mich vor das Kleingrab zu knien, um die Inschrift lesen zu können.

FANNY EGLI

1898–1900

Nur mit Hilfe des matten Lichts meines Handydisplays kann ich das entziffern. Wer war das Mädchen? Woran ist es gestorben?

Ich setze mich wieder auf meinen Posten und lasse den kleinen Stein nicht mehr aus den Augen. Efeu rankt sich an den Seiten empor, sonst ist das Grab mit nichts geschmückt.

Wie traurig. Es kennt sie wohl gar niemand mehr. Fanny Egli. Ich stelle mir ein sehr kleines, fröhliches Mädchen vor. Oder war sie ein armes Mädchen, bereits von Geburt an kränklich? Und heute gibt es da niemanden mehr, der sie kannte. Niemanden mehr, der Auskunft gibt. Keine Blumen, kein Kerzchen und auch kein Gartenzwerg wie bei den jüngeren Kindergräbern aus den 90er-Jahren ein paar Meter entfernt.

Dieses Jahr wäre Fanny 113 Jahre alt geworden. Ich nehme ein Steinchen, male ein Herz drauf und lege es vor Fannys Grab. Eine lächerliche Geste? Wenigstens denkt heute wer an sie. An dieses kleine Mädchen.

Mein Gedanke löscht vielleicht ein wenig schlechtes Gewissen gegenüber all den Vergessenen und doch einst Geliebten aus. Beruhigt mich, auch mir wird einmal jemand etwas vor mein Grab legen, oder? Wer soll sich meiner erinnern, wenn all jene, die mich kannten, auch bereits tot sein werden? Und wer wird jener gedenken, die mir nahegestanden sind, wenn ich nicht mehr bin?

So denke ich an meine Urgrossmutter. Vor einer Woche war ich an ihrem Grab im bündnerischen Malans – eher zufällig, da ich anlässlich eines Vortrags nach Chur musste. Sie war in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt worden, mehr als acht Jahre muss das jetzt her sein. Ich wusste nicht einmal mehr, wo ich das mitgebrachte Blumensträusschen hinlegen hätte sollen.

Die Kirchenglocke schlägt halb drei. Nebel und Feuchtigkeit kriechen mir langsam in die Knochen. Das Nachdenken über Fanny Egli, die Vergänglichkeit des Menschen, meine Urgrossmutter im Gemeinschaftsgrab – ohne einen Bestseller geschrieben oder etwas zur Weltrettung beigetragen zu haben, werde auch ich einfach von dieser Welt gehen.

Wie überflüssig mir in diesem Moment all das erscheint, was ich Woche für Woche ackern muss – im Moment derart viel, dass mir die Zeit zum Leben fehlt. Anstatt mich mit jenen, die mir lieb sind, zu beschäftigen, wälze ich Gedanken an längst Verstorbene.

Aber die Gräber und der Tod haben auch eine beruhigende Wirkung. Bei all den Ungewissheiten der Zukunft ist eins bereits jetzt fix, sozusagen eine feste Komponente in meinem Leben.

Je länger ich hier sitze, desto weniger habe ich Lust, irgendwann in einer geometrisch angelegten Parzelle meinen Körper vermodern zu lassen. Ein Familienbaum wär' schön, alle zu seinen Wurzeln versammelt, aber wo?

Meine Thermoskanne ist jetzt leer. Kalt ist es. Zeit, nach Hause zu gehen. Ich schaue mir noch einmal das Herz-Steinchen an. Fanny jedenfalls liegt alleine da.

Grabfigur Die Nacht ist kalt.

Grabfigur Die Nacht ist kalt.

Eingang Das Gatter lässt sich öffnen.

Eingang Das Gatter lässt sich öffnen.

Kerzenschein Erinnerung an einst geliebte Menschen.

Kerzenschein Erinnerung an einst geliebte Menschen.

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