Wer auswählt, gewinnt?

Dank der freien Schulwahl könnten auch weniger verdienende Eltern ihre Kinder an eine Privatschule schicken. Erfahrungen aus dem Ausland zeigen aber: Die Möglichkeit wird vor allem von Eltern mit hoher Bildung genutzt.

Kaspar Enz
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Freie Schulwahl: Öffentlich (hier die Oberstufe Bottighofen)… (Bild: Donato Caspari)

Freie Schulwahl: Öffentlich (hier die Oberstufe Bottighofen)… (Bild: Donato Caspari)

Das Schweizer Schulsystem erbringe in vielen Bereichen gute Leistungen, schreibt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem Bericht über die Schweiz von 2009. Doch die OECD übt auch Kritik. Ihre Untersuchungen zeigen: Gute Schüler sind in der Schweiz meist die Kinder von einst guten Schülern – bessergestellten, gut ausgebildeten Eltern. Die freie Schulwahl könne dem entgegenwirken, sagen die Befürworter der Vorlage, über die im Thurgau am 7. März abgestimmt wird.

Die freie Schulwahl gebe es bereits jetzt, sagen sie – aber nur für Familien, die sich eine Privatschule leisten könnten.

Schulwahl für Minderheiten

Das sagten sich schon 1990 die Schulbehörden der amerikanischen Stadt Milwaukee im Bundesstaat Wisconsin. Rund 90 000 Schüler besuchen die Volksschulen der Stadt, und wie in vielen amerikanischen Grossstädten kennt auch Milwaukee ein starkes Gefälle zwischen den einzelnen Schulbezirken, vor allem als Folge der Ghettoisierung.

337 Schüler aus armen Familien waren die ersten Teilnehmer an einem Experiment, das unterdessen das älteste und grösste Schulwahl-Programm der USA ist. Die Eltern konnten ihre Kinder statt in die öffentliche Schule gratis an eine der zugelassenen Privatschulen schicken. Seit 1990 wurde das Programm kontinuierlich ausgeweitet. Unterdessen nehmen rund 15 000 Schüler teil, die aus 124 Privatschulen auswählen können. Teilnahmeberechtigt sind Eltern, die ein gewisses Einkommen nicht überschreiten.

Das Programm wurde vielfach untersucht, die Ergebnisse sind gemischt. So wurde der Zweck, armen Familien Alternativen zu geben, erreicht, die Zufriedenheit der teilnehmenden Familien ist hoch. Nicht einig sind sich die Studien aber darüber, ob sich auch die Leistungen verbessert haben.

Mehr Privatschulen

In Milwaukee wurde die Schulwahl eingeführt, um der sozialen Trennung zu begegnen, nur arme Eltern dürfen die Schule wählen. Stimmen die Thurgauer am 7. März Ja, steht diese Möglichkeit aber allen Eltern offen.

Ein ähnliches System wie das von den Initianten geforderte, wurde seit 1992 in mehreren Schritten in Schweden eingeführt. Die Eltern können frei wählen, welche Schulen ihre Kinder besuchen sollen, sofern diese innerhalb eines gewissen Radius vom Wohnort liegen. Für jeden Schüler erhalten auch private Schulen einen Betrag, der den Durchschnittskosten eines Schülers an den öffentlichen Schulen entspricht. Aufpreise sowie eine Auswahl seitens der Schule sind nicht erlaubt.

Nicht einmal ein Prozent der schwedischen Schulkinder besuchten 1991 Privatschulen, von denen es damals erst 66 gab. Unterdessen hat sich diese Zahl vervielfacht. Über sieben Prozent besuchen nun rund 600 Privatschulen. Die Resultate waren einerseits erfreulich. Ab Mitte der 90er-Jahre stiegen die Leistungen der schwedischen Schulkinder. Doch es zeigt sich, dass Eltern die Möglichkeit der freien Schulwahl umso eher nutzen, je höher ihre Bildung ist.

So kommt auch die Schwedische Agentur für Bildung «Skolverket» zum Schluss, dass die freie Schulwahl zu einer verstärkten Segregation geführt habe.

Nur Wahlmöglichkeit erhöht

Diese und andere Beispiele aus aller Welt hat Jürgen Oelkers, Erziehungswissenschafter an der Universität Zürich, in einer Expertise für den Kanton Bern 2007 untersucht.

Von allen Vorteilen, die sich Befürworter von der freien Schulwahl erhofften, werde nur einer sicher erreicht, kommt er darin zum Schluss: Die freie Schulwahl erhöht die Wahlmöglichkeit der Eltern.

…oder privat (hier die internationale Schule Kreuzlingen Konstanz)? (Bild: Reto Martin)

…oder privat (hier die internationale Schule Kreuzlingen Konstanz)? (Bild: Reto Martin)

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