Wenn's eine Idylle gibt, dann hier

Ein Dutzend Gebäude und viel Ruhe: Das ist Oberoppikon in der Gemeinde Bussnang. Doch Ende Juni, wenn die Bauern nach wochenlangem Regenwetter endlich wieder aufs Feld können, kommt plötzlich Hektik auf, haben Stefan Hilzinger (Text) und Andrea Stalder (Bilder) festgestellt.

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Ruth und Armin Huggenberger (72) geniessen mit Hund Zappo die Mittagspause in ihrem Garten. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Ruth und Armin Huggenberger (72) geniessen mit Hund Zappo die Mittagspause in ihrem Garten. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

OBEROPPIKON. «Die Weiler haben noch heute weitgehend bäuerlichen Charakter», schreibt der Thurgauer Kantonsarchivar André Salathé im Eintrag über Oppikon im Historischen Lexikon der Schweiz. Wer in den Dörfchen abseits der Hauptstrasse T16 von Märstetten nach Wil einen Augenschein nimmt, muss zum selben Schluss kommen.

Die Anfrage bei Armin Huggenberger kommt denn auch in einem dummen Moment. «Jetzt müssen wir heuen», sagt der Biobauer im Unruhestand. Nach vielen Tagen mit Regenwetter kann endlich das überständige Gras gemäht werden. Doch für ein kurzes Gespräch beim Kaffee nach dem Essen bleibt Zeit.

Weniger als 200 Einwohner

Huggenberger, 1944 geboren, war von 1983 bis 1996 letzter Ortsvorsteher von Oppikon, einer Ortsgemeinde mit damals kaum 200 Einwohnern, verteilt auf die vier Weiler Ober- und Unteroppikon, Schmidshof und Eppenstein. «Es dürften heute noch etwa genauso viele Einwohner sein», sagt Huggenberger, der sein ganzes Leben am Ort verbracht hat.

Umweltrat Oppikon wehrt sich

Hektisch und bewegter als üblich ist es in Oberoppikon nicht nur während des Heuet: Vor zwanzig Jahren war es, als sich die Bevölkerung vehement gegen eine geplante Deponie im Gebiet Rietwies östlich von Schmidshof wehrte. «Depo-Nie!» lautete der Slogan des Umweltrates Oppikon, der den Kampf führte. «Irgendwo müssen wir noch bedruckte Leibchen haben», sagt Ehefrau Ruth Huggenberger. Sechs Jahre dauert der Widerstand gegen das Vorhaben, das im Zusammenhang mit dem Bau der Kehrichtverbrennungsanlage in Weinfelden stand. 1996 bliesen die Verantwortlichen das Projekt ab. «Vielleicht bin ich deswegen bis zum Schluss Ortsvorsteher geblieben», sagt Huggenberger.

Ein kleiner grüner Traktor

In der Einfahrt der Familie Süess-Lang steht ein kleiner grüner Traktor. Es ist der Spielzeugtraktor Marke John Deere von Leandro (3), dem ältesten der drei Kinder von Christoph und Brigitte Süess-Lang. Leandro will seine Fahrkünste sofort unter Beweis stellen. Die Mutter lässt ihn gewähren, hat keine Bange, auch wenn der Knirps auf die Strasse geraten sollte. Autos sind weit und breit keine in Sicht. Das Haus der Familie Süess-Lang ist eines der jüngsten im Ort. Vor der Einfahrt liegt eine Schnur am Boden, wie die Bauern sie zum Binden der Strohballen brauchen. Wenn die Bauern das Vieh zur Weide treiben oder abends zum Melken heimholen, wird die Schnur gespannt, damit die Wiederkäuer auf dem Weg bleiben.

Lieber hier als in Wien

Brigitte Süess (35) ist mit zwei Schwester in Oberoppikon aufgewachsen. Das halbe Jahr in der Grossstadt Wien während des Studiums sei schon schön gewesen. «Aber mit Familie und Kindern kann ich mir nichts Schöneres vorstellen, als hier zu leben», sagt sie. Einzig Traktoren und die Lastwagen, welche die Milch auf den Höfen abholen, stören die Ruhe. «Als Familie hat man hier mit Vorteil zwei Autos», sagt Ehemann Christoph (38), der bei Stadler Rail in Bussnang arbeitet und morgens die Kinder nach Weinfelden in die Krippe bringt. Brigitte Süess ist seit kurzem Präsidentin des Ortsvereins Oppikon, den es seit der Bildung der Politischen Gemeinde Bussnang vor zwanzig Jahren gibt.

Wie Generationen vor ihr besuchte sie die Gesamtschule Schmidshof. «Unser kurzer Schulweg führte quer durch die Felder über einen Trampelpfad», sagt sie. 2008 schliesst die Gesamtschule – gerade als sie ihr 150-Jahr-Jubiläum feierte. Seither gehen die Kinder von Schmidshof, Oberoppikon und Eppenstein in Zezikon in den Kindergarten und in Affeltrangen in die Primarschule – ausserhalb der Politischen Gemeinde Bussnang. Die Kinder aus Unteroppikon besuchen die Schule in Amlikon-Holzhäusern.

Es hat sofort gestimmt

Christine und Thomas Kölla sind die Neuen in Dorf. Vor gut einem Jahr haben sie den Biohof von Ruth und Armin Huggenberger übernommen. «Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen», sagt die 60jährige ETH-Agronomin, die in Küssnacht am Zürichsee aufgewachsen ist.

Während mehr als 30 Jahren führten sie und ihr Mann eine heilpädagogische Pflegefamilie in Hundwil im Appenzellischen. «Eigentlich ist es verrückt, so kurz vor dem Ruhestand noch einen Hof zu übernehmen», sagt sie. Landwirte jenseits der 65 erhalten keine Direktzahlungen mehr. Doch in Oberoppikon hat sie das gefunden, was sie gesucht hat. «Wir sind über einen Freund unserer Tochter mit Huggenbergers in Kontakt gekommen.» Es habe sofort gestimmt, nicht nur mit Huggenbergers, sondern mit dem Dorf überhaupt. «In Hundwil lebt jeder für sich auf seinem Hoger, hier trifft man sich vor den Häusern, tauscht sich aus, hilft einander», sagt sie. So sei es auch gewesen, als sie wegen eines Stromausfalls die Kühe nicht melken konnten. «Schliesslich hat sie unser Nachbar zu sich in den Stall geholt und sie dort gemolken.»

Die «Sonne», das stattliche Gebäude in der Mitte des Orts, ist schon lange kein Wirtshaus mehr. «Eine meiner Schwestern feierte in der <Sonne> noch ihre Konfirmation», sagt Brigitte Süess. Zur Wirtschaft gehörte auch eine Bäckerei, betrieben von Pia und Willi Schwarz, bis sie beide um die 70 waren. Diesen August wird Pia Schwarz nun 91. Ihr Mann starb vor gut einem Jahr. «Nur Grossmutter Lang ist ein paar Jahre älter als ich», sagt die vife Dame in der ehemaligen Gaststube. Die Hauptwilerin heiratete 1957 in die «Sonne» ein. «Statt des Buffets hätte ich lieber eine Waschmaschine in der Aussteuer gehabt», sagt sie und strahlt verschmitzt.

Legendäre Sunne-Metzgete

Im Wirtshaus fanden viele Jahre die Versammlungen der Ortsgemeinde statt. «Erst als die Frauen dabei sein durften, zügelte man ins Schulhaus.» Bekannt war Willi Schwarz für seine Pralinés und die Osterhasen. «Legendär sind unsere Metzgeten, da tör i rüebig säge.» Noch heute werde sie in Weinfelden darauf angesprochen, wie schade es sei, dass es die Sunne-Metzgete nicht mehr gibt. «Wir schenkten selbstgemachten Holdersuuser aus, sogar Kesselring vom Bachtobel meinte, es sei richtiger Traubenmost.»

Pia Schwarz erholt sich gerade von einem unglücklichen Sturz. «Es ist wunderbar, wie die Dorfgemeinschaft einem hilft. Gestern war ich bei den Nachbarn zum Essen eingeladen, heute bei der Schwiegertochter.» Täglich macht sie ihre Runde durchs Dorf. «Sonst rostet man ein.» Nie geht sie aus dem Haus, ohne vorher eine Handvoll Sugus einzustecken. Ganz zur Freude des Oberoppiker Nachwuchses.

Christoph (38) und Brigitte Süess (35) mit den Kindern Leandro (3), Malia (6 Wochen) und Dario (11/2). (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Christoph (38) und Brigitte Süess (35) mit den Kindern Leandro (3), Malia (6 Wochen) und Dario (11/2). (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Christine (60) und Thomas Kölla (62) auf ihrem Hof mit den Geissen Ronja, Rocco und Moritz. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Christine (60) und Thomas Kölla (62) auf ihrem Hof mit den Geissen Ronja, Rocco und Moritz. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Pia Schwarz (90), ehemalige Wirtin in der «Sonne». (Bild: Stefan Hilzinger)

Pia Schwarz (90), ehemalige Wirtin in der «Sonne». (Bild: Stefan Hilzinger)