Wenn rechts das neue Links ist

Damit ja kein Missverständnis aufkommt: Niemand wünscht sich die Zeit der ideologischen Konfrontationen zurück. Und doch muss sie etwas gehabt haben, jene Zeit, in der rechts noch rechts war und links eben links.

Christian Kamm
Drucken
Teilen

Damit ja kein Missverständnis aufkommt: Niemand wünscht sich die Zeit der ideologischen Konfrontationen zurück. Und doch muss sie etwas gehabt haben, jene Zeit, in der rechts noch rechts war und links eben links. Damals, als die Roten ihre Körper im Arbeiterturnverein stählten und die Schwarzen im katholischen Turnverein. Man blieb unter Gleichgesinnten. Die Grünen gab es noch nicht. Hätte es sie schon gegeben, hätten sie wohl ihre eigene, ideologisch gefestigte Wandergruppe ins Leben gerufen.

Und heute? Ein einziges Meer aus politischer Unübersichtlichkeit. Wohin man auch schaut: prinzipienloses Alles-ist-Möglich. Immer und jederzeit. Keine politische Kombination zu gewagt, um ideologisch verträglich zu sein.

Ein Beispiel? Da feierte unlängst der Industrie- und Gewerbeverein Diessenhofen die Tatsache, dass er erstmals mit drei der Seinen im Kantonsparlament vertreten sei. Macht doch nichts, dass einer von ihnen nicht nur Mitglied im Gewerbeverein ist, sondern auch in der sozialdemokratischen Fraktion sitzt. Wen kümmert's? Wir schreiben das Jahr 2016, und Ideologie ist schliesslich von gestern.

Stimmt: Wahrscheinlich hat ja tatsächlich die Kurve verpasst, wer immer noch glaubt, dass Sozialdemokraten eigentlich für die Gewerkschaften politisieren müssten und nicht für den Gewerbeverband. Aber wir arbeiten daran. Wir arbeiten an unserem Problem mit der überfälligen politischen Horizont-Erweiterung. Und freuen uns jetzt schon auf den ersten Veganer, der die Interessen der Fleischbranche im Thurgauer Grossen Rat vertreten wird.