Wenn Kinder auf der Flucht sind

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Schweiz war das Thema der Veranstaltung des Vereins «Fremde und Wir» zum Nationalen Flüchtlingstag am vergangenen Sonntag in Kreuzlingen.

Barbara Hettich
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Hans Rudolf Müller-Nienstedt (r.) mit einem Betroffenen. (Bild: Barbara Hettich)

Hans Rudolf Müller-Nienstedt (r.) mit einem Betroffenen. (Bild: Barbara Hettich)

KREUZLINGEN. In der Amtssprache nennt man sie Umas, Abkürzung für «Unbegleitete Minderjährige Asylbewerber». Vergangenes Jahr sind 346 Umas in die Schweiz eingereist, 86 Prozent sind zwischen 15 und 18 Jahre alt, der Rest ist jünger. Zur Situation dieser Kinder und Jugendlichen hat der Verein «Fremde und Wir» anlässlich des Nationalen Flüchtlingstags am Sonntag zu einer Veranstaltung nach Kreuzlingen eingeladen.

Viele Gründe für eine Flucht

Hans Rudolf Müller-Nienstedt führte durch den Abend, stellte die einzelnen Referenten vor und befragte einen Betroffenen, welcher als junger Kurde einst aus der Türkei geflohen ist. «Es ist ein Fakt, dass junge Menschen aus anderen Kulturen hier ankommen, aber wie gehen wir damit um?», stellte Müller die Frage in den Raum. Gründe für eine Flucht gebe es viele: Zwangsrekrutierung, Krieg, Gewalt in der Familie, Zwangsheirat, Angst vor Geschlechtsverstümmelung oder sexuelle Gewalt, die sie dann oft auch auf der Flucht erleben müssten, berichtete Tilla Jacomet, Leiterin der HEKS-Rechtsberatungsstelle in St. Gallen. Die Kinderrechtskonvention stelle das Kindeswohl in den Vordergrund. Deshalb warte man bei Minderjährigen mit einer Wegweisung bis zur Vollendung des 18. Altersjahrs. Bis dahin benötigten die Kinder und Jugendlichen eine altersgerechte Unterbringung.

Dreistufiges Jugendprogramm

Markus Laib ist Leiter des Thurhofs, ein Zentrum für Asylsuchende in Oberbüren, mit 127 Plätzen, davon sind 27 für Jugendliche unter 18 Jahre. Das Jugendprogramm habe man 1999 eingeführt. Die Auslastung liege bei über 100 Prozent. Das dreistufige Jugendprogramm ist in eine Aufnahme-, eine Ausbildungs- und eine berufliche Integrationsgruppe aufgeteilt. Sprachkompetenz und gesellschaftsspezifische Themen seien Schwerpunkte. «Ein grosses Problem haben wir mit der Gesundheit der jungen Menschen, die meisten sind schwer traumatisiert», sagte Laib. Die Referenten waren sich einig: Junge Flüchtlinge brauchen eine Bezugsperson, die ihnen hilft, ihr Leben neu einzurichten.

Annette Humbel-Gmünder begleitet seit Jahren junge Asylbewerber. Sie erzählte aus ihrem Alltag: Da gab es zwei Schwestern aus Somalia, die eine 17, die andere 12 Jahre alt. Die 17-Jährige wurde in der Jugendgruppe im Thurhof untergebracht, die 12-Jährige in einer Pflegefamilie. Nach einem Jahr habe man herausgefunden, dass sie nicht aus Somalia, sondern vor einer gewalttätigen Mutter aus Florenz geflohen seien. Eine Rückführung wurde abgelehnt, die beiden hätten Asyl bekommen und sich bestens integriert.

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