Wenn die Hänge rutschen

Schänis, Mels, Gossau und Thal – hier rutschten in den vergangenen Wochen die Hänge. Vorhersehen konnte dies niemand, trotz Gefahrenkarte. Lassen sich Erdrutsche überhaupt verhindern?

Jana Rutarux
Drucken
Teilen
American musician Robin Thicke performs on the "Auditorium Stravinski" stage at the 48th Montreux Jazz Festival, in Montreux, Switzerland, Sunday, July 13, 2014. (KEYSTONE/Anthony Anex) (Bild: ANTHONY ANEX (KEYSTONE))

American musician Robin Thicke performs on the "Auditorium Stravinski" stage at the 48th Montreux Jazz Festival, in Montreux, Switzerland, Sunday, July 13, 2014. (KEYSTONE/Anthony Anex) (Bild: ANTHONY ANEX (KEYSTONE))

Nach dem heftigen Unwetter in der vergangenen Woche rutschten in der Region vereinzelt Hänge. Wohnhäuser und Strassen waren nicht in Gefahr. Ganz anders verliefen die Ereignisse am 12. Juli im Brüschberg in Schänis: Marianne Jud erinnert sich noch genau an die Nacht, als heftige Regenfälle sie aus dem Schlaf rissen. Um zwei Uhr morgens begann sie ihren Keller auszuschöpfen, während Ehemann Fritz Jud in der Dunkelheit um das Haus patrouillierte: «Plötzlich rief mein Ehemann, er sei knapp einem Erdrutsch entkommen.»

Sofort wurden die Kinder und die Schwiegermutter geweckt. Sie brachten sich in ihrer Scheune, abseits der Gefahrenzone, in Sicherheit. Später wurden sie von der Feuerwehr evakuiert. Der Vorfall überraschte die Familie – vor acht Jahren war bereits ähnliches passiert. Damals wurden Röhren und Baumstämme verlegt, um das Gelände zu sichern. Diese Schutzmassnahme verhinderte aber nicht, dass sich der Hang erneut bewegte. Die Erdmassen wurden zum Teil vom Wohnhaus gestoppt. Dort befindet sich auch jetzt noch – zwei Wochen später – eine bis zu zwei Meter hohe Dreckwand. «Die Erde muss zuerst trocknen, bevor wir sie abführen können. Jetzt ist sie noch viel zu schwer», erklärt die Bäuerin.

Ein mulmiges Gefühl

Im nachhinein ist Marianne Jud «einfach nur dankbar», dass niemandem etwas passiert ist. Eines der Kinder erlitt jedoch einen Schock. Der Knabe hatte nach dem Vorfall Albträume. Auch Marianne Jud war nach dem Rutsch besorgt. «Wir bekamen Angst, wenn wir Schlechtwettermeldungen im Radio hörten.» Da der Boden am Hang noch immer angerissen ist, plante die Familie, im Notfall in der Scheune zu schlafen.

Vergangenen Mittwoch war es dann so weit: Die Familie verbrachte den Tag in der sicheren Scheune. Die Festbank wurde aufgestellt und man spielte, um sich etwas abzulenken. Die heftigen Regengüsse beunruhigten die Eltern. Immer wieder kontrollierte Fritz Jud den Riss. Diesen hatte er mit Plastik abgedeckt, damit er sich nicht sofort wieder mit Wasser füllte.

Erdrutsche in der Ostschweiz kamen in der Vergangenheit häufig vor. Zukunfts-Prognosen für Erdrutsche können aber kaum erstellt werden. Martin Eugster, Abteilungsleiter Wasserbau Appenzell Ausserrhoden, kennt das Problem: «Man kann nicht in den Boden hineinsehen.» Ein bereits vollgesaugter Untergrund könne unter Umständen fast genauso gefährlich werden wie ein ausgetrockneter Boden.

Ausgelöst würden Rutsche durch heftige und konzentrierte Unwetter. Gemäss Albert Elmiger, Oberförster und Leiter des Meliorationsamtes Appenzell Innerrhoden, sind gerade diese punktuellen Regenfälle in den vergangenen Jahren häufiger geworden.

Auf Erdrutsche reagiert man mit Schutzbauten wie Wällen, dem Einsetzen von wasserableitenden Rohren oder dem Abdecken von Rissen, wie es die Familie Jud tat.

Ein ungewisses Hilfsmittel

Die Kantone und Gemeinden arbeiten seit der vom Bund publizierten Empfehlung für die Berücksichtigung der Hochwassergefahren 1997 an der Erstellung von Gefahrenkarten, sagt Hans Peter Willi, Abteilungschef des Bundesamtes für Umwelt. Heute seien diese bis auf wenige Ausnahmen vollständig.

Diese Gefahrenkarten müssen aktuell gehalten und periodisch überprüft werden. Mit diesem Konzept, sagt Willi, «stehen wir im internationalen Vergleich sehr gut da.» So gut, dass das Fürstentum Liechtenstein das Konzept übernommen habe. Eine Gefahrenkarte sei verlässlich, sagt Oberförster Elmiger. Er selber werfe immer wieder einen Blick darauf, besonders, wenn es sich um Anfragen zu Neubauten oder Sanierungen handle.

Die Prävention von Erdrutschen sei dennoch schwierig, denn die Karte sei weitgehend ein «Hinweisschild», so Elmiger. «Sie zeigt letztlich nur, wo man gut aufpassen muss.» Auch Martin Eugster betont, dass die Rutschzonen in der Gefahrenkarte nicht zwingend seien: Es könne sich in einem oder in hundert Jahren etwas bewegen – wenn überhaupt.

In der Hand von Mutter Natur

Weitere Erdrutsche lassen sich damit auch bei Familie Jud in Schänis nicht ausschliessen. Die Bäuerin blickt nun etwas weniger besorgt auf die Gefahrenzone, denn der Hang rutschte beim vergangenen Unwetter nicht weiter ab. Letztlich bleiben damit das Aufräumen und das Abwarten.

Wie die Familie allerdings für den Schaden aufkommen soll, ist Marianne und Fritz Jud noch immer ein Rätsel. Nebst der Hagelversicherung erhoffen sie sich auch von der Gemeinde etwas Unterstützung.

Erdrutsche, die in Erinnerung geblieben sind: Rorschacherberg (Juli 2014), Altstätten (2013), Weisstannental (Juni 2014) und Wienacht (2013, von links). (Bilder: Kapo SG/Urs Jaudas/Kapo SG/Benjamin Manser)

Erdrutsche, die in Erinnerung geblieben sind: Rorschacherberg (Juli 2014), Altstätten (2013), Weisstannental (Juni 2014) und Wienacht (2013, von links). (Bilder: Kapo SG/Urs Jaudas/Kapo SG/Benjamin Manser)

BAHNTRASSE, WIENACHT: Durch einen Erdrutsch bei Wienacht-Tobel mussten mehrere Haushalte evakuiert werden. [2 June 2013] (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

BAHNTRASSE, WIENACHT: Durch einen Erdrutsch bei Wienacht-Tobel mussten mehrere Haushalte evakuiert werden. [2 June 2013] (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Bauer Fridolin Sonderegger und seine Frau im abgerutschten Hang. 17.07.2013 Bild: Urs Jaudas (Bild: Urs Jaudas (Urs Jaudas))

Bauer Fridolin Sonderegger und seine Frau im abgerutschten Hang. 17.07.2013 Bild: Urs Jaudas (Bild: Urs Jaudas (Urs Jaudas))

Aktuelle Nachrichten