Weniger Zwang dank der Kesb

Die Thurgauer Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden beschliessen weiterhin weniger Fremdplazierungen von Kindern als die früheren Vormundschaftsbehörden. Die schwierigen Fälle sind aber nicht weniger geworden.

Thomas Wunderlin
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Andreas Hildebrand, Präsident der Kesb Arbon. (Bild: Urs Bucher)

Andreas Hildebrand, Präsident der Kesb Arbon. (Bild: Urs Bucher)

ARBON. Die Mutter wusste schon im Spital, dass sie mit ihrem Neugeborenen nicht nach Hause gehen würde. Denn die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) des Bezirks Arbon hatte ihr einen Obhutsentzug angekündigt. «Wir haben Indikationen, bei denen die Kinder wegmüssen», sagt Andreas Hildebrand, Präsident der Kesb Arbon. «Zum Beispiel kann ein Kind nicht mit einer psychisch kranken Mutter aufwachsen.»

Der Fall war einer von fünf, in denen die Kesb Arbon 2014 ein Kind der elterlichen Obhut entzog. Im Vorjahr waren es sechs gewesen. Damit scheint sich zumindest im Bezirk Arbon zu bestätigen, dass die Einführung der Kesb im Thurgau fast zu einer Halbierung der Fremdplazierungen geführt hat.

Scharfe Reduktion

2013, im ersten Jahr der Kesb, gab es im ganzen Kanton 41 Fremdplazierungen nach Entzug der elterlichen Obhut; die meisten Kinder kamen in eine andere Familie, drei wurden in ein Heim gesteckt. In den fünf Jahren davor hatte sich diese Zahl stets zwischen 68 und 91 bewegt, wie aus der regierungsrätlichen Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage im November 2014 hervorging.

Mit Einführung der Kesb fielen die Thurgauer Zahlen 2013 in den mittleren Bereich im Kantonsvergleich. Die Anzahl der angeordneten Fremdplazierungen pro 1000 Kinder betrug 0,81. Der Wert war vergleichbar mit Graubünden (0,78) und St. Gallen (0,92). Die Bandbreite der sogenannten Fremdplazierungsquote reicht von 0,29 (Wallis) bis 2,47 (Waadt).

Fremdplazierungen sind umstritten, da sie die Finanzen der Gemeinden erheblich belasten. Eine SVP-Motion vom Februar 2015 verlangt ein Mitspracherecht der Gemeinden bei Fremdplazierungen. Auch das Obergericht, die Aufsichtsinstanz der Kesb, empfiehlt eine gesetzliche Regelung der Mitsprache. Bereits jetzt sind die Kesb in gewissen Fällen «nicht nur berechtigt, sondern auch gut beraten», die Gemeinden einzubeziehen, schreibt das Obergericht in seinem Jahresbericht.

Angesichts der politischen Brisanz ist es erstaunlich, dass offenbar niemand weiss, wie sich die Fremdplazierungen im Thurgau 2014 entwickelt haben. Das Obergericht hat die Zahl nicht erhoben, sagt der Mediensprecher des Obergerichts, Thomas Soliva. Er empfiehlt eine Anfrage bei den einzelnen Kesb. Auf eine Mail-Anfrage dieser Zeitung reagierten jedoch nur zwei der fünf Thurgauer Kesb.

Der Arboner Kesb-Präsident Andreas Hildebrand hat ohne Mandat die Rolle des Mediensprechers der Thurgauer Kesb-Präsidenten übernommen; er ist nicht ihr Vorsitzender. Er geht davon aus, dass die Fallzahlen im Thurgau 2014 auf dem Niveau des Vorjahres geblieben sind. Wahrscheinlich hätte er es gehört, wenn es in einem Bezirk eine besondere Entwicklung gegeben hätte. Die Präsidentin der Weinfelder Kesb, Claudia Semadeni, glaubt auch, dass die Zahl der Fremdplazierungen «mehr oder weniger konstant bleiben wird». Die Kesb Weinfelden hatte 2013 insgesamt 15 Fremdplazierungen angeordnet; dabei ging es in 7 Fällen um Verfahren, die noch von den Vormundschaftsbehörden eröffnet worden waren. 2014 ordnete die Kesb Weinfelden acht Fremdplazierungen an.

Offenbar arbeiten die Kesb weniger mit Zwang als ihre Vorgängerbehörden. Es sei der Anspruch der Kesb, die Betroffenen zu überzeugen, sagt Hildebrand. Dann sei ein formeller Obhuts-entzug gar nicht nötig. Andererseits seien nicht alle formellen Fremdplazierungen erzwungen. «Die Leute wollen manchmal eine klare Verfügung, obwohl sie deren Notwendigkeit eingesehen haben.» Von den fünf Arboner Fällen 2014 sei nur ein einziger wirklich erzwungen worden.

Die Kesb Weinfelden habe viele schwierige Fälle zu bearbeiten, betont die Weinfelder Kesb-Präsidentin Semadeni. Manche Mutter sei finanziell und psychologisch belastet, leide unter Drogenproblemen, und das verwahrloste Kind falle in der Schule auf. Die Kesb Weinfelden ordne oft eine aufsuchende Familientherapie an – die multi-systemischen Therapien des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes Weinfelden. «Die ehemaligen Vormundschaftsbehörden hatten diese Möglichkeiten nicht so umfassend, da gewisse Unterstützungsangebote erst in den letzten Jahren entwickelt wurden.» Interdisziplinär zusammengesetzte Vormundschaftsbehörden habe es schon früher gegeben, allerdings häufiger in der Stadt als in ländlichen Gebieten.

Freiwillig ist nicht billiger

Was sich laut Semadeni auch geändert hat: Vor 2013 konnten sich die Klienten den Vormundschaftsbehörden durch den Wechsel des Wohnorts entziehen. Heute führt die Kesb des neuen Wohnorts Massnahmen der alten Kesb fort. Geschieht eine Plazierung im Einverständnis mit den Eltern, ist sie laut Semadeni nicht günstiger. Teuer wird es vor allem, sobald eine Beistandschaft errichtet wird..