Weniger Fachpersonal für die Pflege

Per 1. Januar 2016 treten überarbeitete Weisungen für die Pflegeheime im Thurgau in Kraft. Der Berufsverband der Pflegenden befürchtet Qualitätseinbussen. Denn die Anforderungen an das Pflege- und Betreuungspersonal wurden herabgesetzt.

Barbara Hettich
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Der Berufsverband der Pflegefachleute befürchtet, dass die Qualität der Pflege abnimmt. (Bild: Coralie Wenger)

Der Berufsverband der Pflegefachleute befürchtet, dass die Qualität der Pflege abnimmt. (Bild: Coralie Wenger)

FRAUENFELD. Ab kommendem Jahr werden in den Pflegeheimen im Thurgau deutlich geringere Anforderungen im Bereich Pflege und Betreuung verlangt – sowohl bei der qualitativen als auch bei der zeitlichen Besetzung mit Fachpersonal. Damit wolle man dem zunehmenden Fachkräftemangel entgegenwirken, schreibt der Regierungsrat.

Mehr Flexibilität für die Heime

In der Praxis bedeutet dies, dass sich beispielsweise zwei kleinere Heime eine Pflege- oder Betreuungsleitung teilen können oder dass in kleinen Heimen erfahrene FaGes (Fachangestellte Gesundheit) die Stellvertretung einer diplomierten Pflegefachperson punktuell übernehmen dürfen. «Es braucht heute einen guten Mix aus diplomiertem Personal, FaGes sowie Pflegehelferinnen und Pflegeassistentinnen», erklärt Dominique Nobel, Präsident von Curaviva Thurgau. Der Verband der Thurgauer Alters- und Pflegeheime war bei der Überarbeitung der Weisungen massgeblich beteiligt. Die Alters- und Pflegeheime würden damit die nötige Flexibilität bekommen, ist Dominique Nobel überzeugt. Qualitätseinbussen befürchtet er nicht. Nach wie vor müsse genügend fachlich qualifiziertes Personal anwesend sein. Der Fachkräftemangel, insbesondere beim diplomierten Pflegefachpersonal, sei aber eine Tatsache und werde sich noch verstärken. Dem könne man nur entgegenwirken, indem man punktuell auch FaGes mit Berufsprüfung in der Langzeitpflege einsetzen dürfe. Die Rekrutierung von Pflegepersonal aus dem Ausland werde dadurch abnehmen.

Beim Berufsverband der Pflegefachleute SBK sieht man dies anders. «Wir sehen einen Abbau der Pflegequalität», sind sich Geschäftsführerin Edith Wohlfender und Präsidentin Barbara Dätwyler Weber einig. Die Patienten bleiben kürzer im Spital, Menschen mit einer niedrigen Pflegestufe würden von der Spitex betreut, in den Alters- und Pflegeheimen sind zunehmend Patienten ab Pflegestufe 4. Das heisst, die Anforderungen an die Pflege ist hoch – auch weil die Patienten meist Mehrfacherkrankungen mitbringen und komplexe Pflege benötigen. Dazu brauche es gut ausgebildetes Fachpersonal. Die RN4cast-Studie beweise, dass mit einem hohen Stellenschlüssel an Diplompflege die Qualität steige, weniger Infekte, Stürze oder Todesfälle eintreten. «Wir sind nun sehr erstaunt, dass der Kanton Thurgau in den Mindestanforderungen für die Pflege die Standards herabsetzt und das Diplompflegepersonal durch deutsche Altenpflegerinnen oder Fachpersonen Gesundheit ersetzen will», sagt Barbara Dätwyler Weber. Die Diplompflege mit fünf Jahren Ausbildung könne niemals mit der zwei- oder dreijährigen Altenpflege gleichgesetzt werden. Für Altenpflegerinnen aus Deutschland seien die Arbeitsbedingungen insbesondere der Lohn in der Schweiz sehr attraktiv. «Es ist ethisch aber nicht vertretbar, dass wir ausländisches Personal rekrutieren, um Kosten zu sparen», sagt Edith Wohlfender. Die Institutionen wären gut beraten, die Arbeitsbedingungen für die Pflege so auszuformulieren, dass die Berufsverweildauer steigt.

Handlungsbedarf besteht

Auch seitens der Arbeitgeber sieht man noch Handlungsbedarf: Die Arbeitsbedingungen seien in den letzten Jahren zwar verbessert und die Löhne auf einem vergleichsweise hohen Niveau angepasst worden, sagt Dominique Nobel. Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, müssten allerdings sämtliche im Gesundheitswesen tätigen Institutionen ihre Anstrengungen betreffend Ausbildung verstärken. Insbesondere in den Spitälern würde ein vermehrter Skill-/Grademix dringend benötigte personelle Ressourcen freisetzen. Zudem müsse die gesellschaftliche Akzeptanz von Männern in Pflegeberufen verbessert werden.

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