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Weinfelder Morgengrüsse

Olma-Krimi von Daniel Badraun – achter Teil

Ich warte, bis es still ist draussen. Dann haste ich aufwärts, nehme zwei Stufen auf einmal und bin bald unter dem Dach der Scheune. Hier oben befindet sich in luftiger Höhe das Gefängnis meiner Mina, das früher wohl als Unterkunft für Angestellte diente. Die Türe ist mit einem massiven Riegel gesichert. Vorsichtig schiebe ich ihn zur Seite und betrete das Zimmer. Durch eine Dachluke dringt mildes Mondlicht in den Raum. Links ein Tisch, darauf ein

langes Kleid. Königin Mina. Das passt zu ihr. Rechts im Dunkeln schläft sie auf einem Bett. Mina, bald bist du frei. Vorsichtig bücke ich mich, streiche ihre Haare zur Seite und hauche ihr einen Kuss auf die Wange. Wie hiess das Märchen vom Prinzen?

«Was fällt dir ein», faucht die Dame im Bett, setzt sich auf und scheuert mir eine.

Das habe ich nicht erwartet. Erschrocken zucke ich zurück und reibe mir die brennende Backe. «Warum schläfst du nicht, Mina?»

«Weil ich diese Scheissmedikamente ausgespuckt habe. Und weil ich nicht Mina heisse.»

Schon steht die Frau mit geballten Fäusten neben mir. Ihre Augen funkeln wütend.

Ich rechne mit weiteren Schlägen, doch stattdessen umarmt sie mich. «Gut, dass du da bist, Florian!»

«Simona?» Sie küsst mich mehrmals, dann schnappt sie sich Kleid, Krönchen und Schleife und zieht mich die Treppe hinunter. Verwirrt folge ich ihr. Da soll mal einer die Frauen verstehen. Wir verlassen die Scheune durch den Seiteneingang und schleichen ­hinüber zu einer Garage. Wenig später schiebe ich einen grünen VW-Käfer ins Freie und zur ­abschüssigen Strasse hinüber. ­Simona lässt den Oldtimer ein Stück rollen, bevor sie den Gang einlegt und der Motor anspringt.

Ein fliehender Käfer

«Der Wagen von meiner Omi.» Sie lächelt. «Eine Abgasschleuder, aber sehr zuverlässig.»

Weinfelden. Simona durchquert den Ort, fährt an der Kirche vorbei und nimmt die Strasse hinauf zum Schloss. Rebberge, Häusergruppen, ein Restaurant. Auf einem Parkplatz weit oben am Ottenberg hält sie an und stellt den Motor ab. Unter uns die Lichter der Kleinstadt, die so gerne ein Dorf bleiben würde.

«Jetzt schlafen wir erst einmal. Morgen Nachmittag habe ich einen Auftritt an der Olma, den ich nicht verpassen will.»

«Einen Auftritt? Als grüner Bürgerschreck?»

Sie lacht. «Zum letzten Mal als Thurgauer Apfelkönigin. Das lasse ich mir auch von meinem Vater nicht vermiesen.»

Trotz der heruntergelassenen Sitzlehnen ist es unbequem im Käfer. Irgendwann träume ich von einem Specht, der immer wieder gegen einen Baumstamm pocht. Toc, toc toc. Wieder und wieder diese Schläge.

«Was ist?», fragt Simona verschlafen und dreht sich zur Tür.

«Aufmachen, Polizei!»

Wir lassen unsere Wirbel knacken und steigen aus. Draussen stehen zwei Uniformierte. Die Sonne geht gerade über dem herbstlichen Thurtal auf.

«Was machen Sie hier?», fragt der Polizist und schaut uns streng an.

«Nicht das, woran Sie denken.» Simona spielt die Entrüstete. «Oder glauben Sie, dass zwischen Schaltknüppel und Steuerrad genug Platz ist, um sich die Kleider vom Leib zu reissen und Liebe zu machen?»

«Das haben wir alles schon erlebt.» Die Polizistin lächelt.

«Vor der Fahrt an die Olma wollte ich meinem Bekannten unser schönes Weinfelden im Morgengrauen zeigen. Wir waren etwas früh dran und sind eingenickt.»

«Sind Sie nicht...» Die Beamtin schnippt mit den Fingern.

«Die Thurgauer Apfelkönigin», helfe ich ihr auf die Sprünge. «Können wir jetzt weiterfahren? Oder wollen Sie Majestät zum Frühstück einladen?»

Mit Polizeieskorte fahren wir nach Romanshorn und halten am Hafen.

«Ist das königlich genug?», fragt der Polizist, der sich als Goran vorstellt.

«Perfekt.» Simona Renner zeigt hinüber auf die Fähre. «Soll ich euch auf meine Jacht einladen?»

Königin der Herzen

«Ein anderes Mal.» Die Beamtin, die Claudia heisst, zeigt hinüber auf einen Glasbau auf der anderen Hafenseite. «Wir gehen ins ‹Usblick›. Meine Schwester Elena arbeitet dort. Sie hat Down-Syndrom. Ihre Kollegen und sie freuen sich sicherlich auf den Besuch von Eurer Majestät.»

Also zieht Simona ihre Schleife an und setzt das Krönchen auf, dann stolziert sie, eskortiert von zwei Uniformierten und ihrem Hofmarschall Florian, der sich in den letzten Tagen oft als Hofnarr vorkam, hinüber ins Restaurant. Wir bekommen einen Tisch mit Hafensicht und einem weissen Tischtuch, Claudia einen lauten Schmatz von ihrer Schwester und alle zusammen einen ordentlichen Kaffee. Bevor wir essen können, gibt die Apfelkönigin Autogramme und setzt ihr bestes ­Lächeln für die gewünschten ­Promi-Selfies auf.

Unterdessen versuche ich von den Polizisten zu erfahren, wie das so sei mit Entführungen, ob sie wüssten, was sich hinter diffusen Forderungen verstecken könnte und ob man sich vor mafiaähnlichen Gruppierungen in Acht nehmen müsse. «Wenn einer eine Pizzeria hat», frage ich weiter, «kann sich dahinter Erpressung und Betrug verbergen?»

«Schon möglich.» Goran schaut zu Simona hinüber, die mit den Angestellten herumalbert.

«Es ist wie mit den Leuten hier», sagt Claudia, «für sie zählt das Lachen, die Freude, das Glück des Moments. Ihre Beeinträchtigung ist zweitrangig.»

«Was hat das mit meiner Frage zu tun?»

«Wenn mir eine Pizza schmeckt, dann will ich nicht unbedingt wissen, ob der Pizzaiolo die Mozzarella entführt und die Tomaten erpresst hat.»

Dann ist Simona wieder bei uns, sie lacht und erzählt, und neben Brötchen und Cappuccino komme ich nicht mehr dazu, mehr über Entführungen und die heimlichen Geschäfte der Familie ­Caporese zu erfahren. Zwischendurch ruft Papa Renner an und entschuldigt sich reichlich verkatert bei Simona für sein Vorgehen. «Als Vater», trompetet er lautstark, «muss man doch das Wohl der Familie im Auge behalten.»

«Davon habe ich nichts gemerkt.» Schnell drückt sie das Gespräch weg.

Später ruft ein Fotograf an, der ­Simona ans Fotoshooting auf einem Bauernhof am See erinnert, das in einer Stunde beginnen soll. «Ich muss los. Der Apfel ruft!» Simona küsst mich auf beide Wangen. Wir verabreden uns an der Olma. Dann drückt sie den Polizisten die Hand, winkt ihren neuen Freunden ein letztes Mal zu und fährt davon.

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