WEINFELDEN: Plädoyer für religiöse Bildung

«Religion und Gewalt – ein unzertrennliches Paar?» Ein Zürcher Professor ­diskutierte mit Interessierten über Gott und die Heilige Schrift.

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Religionen müssten ihr historisches Bewusstsein ausbilden, um die Texte der Schrift richtig einzuordnen. Dann könne die Heilige Schrift tatsächlich zum Wort Gottes werden. Schon vor Beginn der Veranstaltung über Religion und Gewalt mit Konrad Schmid war das Publikum am Freitag in Weinfelden gefordert. «Religion und Gewalt – ein unzertrennliches Paar?» So lautete das Thema an der gemeinsamen Veranstaltung vom Thurgauer Arbeitskreis für Kirche und Theologie Takt und vom Zentrum für Spiritualität, Bildung und Gemeindebau der Evangelischen Landeskirche Tecum. Der Fokus lag auf dem Fragezeichen im Titel.

Gewalt in der Bibel und in anderen religiösen Schriften ist ein Zentralthema. «Die Gewalt ist älter als die Religionen, so alt wie die Menschheit», konstatierte Konrad Schmid. Er ist Professor für alttestamentliche Wissenschaft und frühjüdische Religionsgeschichte an der Universität Zürich. «Religionen deuten die Gewalt, die schon immer da war, sie rufen aber nicht dazu auf. Gott verantwortlich zu machen für die Gewalt, die im Namen der Religionen verübt wird, ist falsch.» Die empirische Beobachtung aller Konfliktherde auf der Weltkarte zeige global gesehen, dass die meisten kriegerischen Auseinandersetzungen nicht auf Religion fokussierten. Ursache seien Faktoren wie Politik, Kultur und sozialpsychologische Elemente – so die kollektive Demütigung einer Religions- oder Bevölkerungsgruppe.

Bibelkritik und ­Friedenspotenzial

Die Ansicht, dass die exklusive Gottesverehrung der monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam besonders gewaltaffin sei, teilt Schmid nicht. Gewaltauslösend sei nicht die mosaische Unterscheidung von dem einen wahren Gott in Abgrenzung zu den falschen Göttern, sondern das transformierte Geschichtsbild der Assyrischen Unterdrückung und ihre Machtideologie auf das Gottesverständnis der Juden im Exil. «Viele alttestamentliche Texte der Bibel spielen im 2. Jahrtausend vor Christi. Aufgeschrieben wurden sie aber erst Jahrhunderte später; durch die Brille und mit dem Erfahrungshintergrund von erlittener Unterdrückung.»

Um das Friedenspotenzial der Religionen zu entfalten, nennt Schmid drei Faktoren: «Bildung, Bildung und nochmals Bildung!» Die Religionen müssten ein historisches Bewusstsein ausbilden, das akzeptiert, dass ihre Religion in einem geschichtlichen und sozialen Kontext entstanden ist und weiter dort hineinwächst.

In angeregten Pausengesprächen wärmte sich das Publikum für die Fragerunde auf. «Müsste die Schlüsselfrage lauten: ‹Wie lese ich den biblischen Text› und nicht ‹Was steht drin›?», wollte jemand wissen. Schmid stimmte zu: «Nur so kann die Heilige Schrift tatsächlich zum Wort Gottes werden.»

Eine andere Auffassung stehen lassen

Angesprochen auf sein Toleranzverständnis und die persönliche kritische Reflexion, präzisierte Schmid: «Selbstrelativierung heisst nicht Herabspielen der eigenen Religion, sondern ist Ausdruck von ehrlichem Christsein. Das geschieht, wenn ich nicht meine Religion an die oberste Stelle setze, sondern Gott.»

Trotz Bildung fühle er sich ohnmächtig, wenn er mit Gewalt in Form von Intoleranz konfrontiert sei, lautete ein Bekenntnis, dem Schmid entgegnete: «Toleranz muss man wollen. Das erfordert auch das Eingeständnis, dass es dem Gegenüber ernst mit seiner Auffassung ist. Diese muss man nicht teilen, aber – ohne den anderen auszugrenzen – stehen lassen.» (red)