WEINFELDEN: Faul oder arbeitsunfähig?

Ein Gutachten der IV-Stelle attestiert einer körperlich eingeschränkten Frau, sie wolle nicht arbeiten. Sie steht mit ihrer Beschwerde nun vor dem Verwaltungsgericht.

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Eine gelernte medizinische Praxisassistentin beschwert sich vor dem Thurgauer Verwaltungsgericht über die IV-Stelle. «Ich fühle mich in meiner Persönlichkeit verletzt und gekränkt», sagt sie. Im Gutachten über sie, das die IV-Stelle in Auftrag gegeben habe, würden Fehler stehen. «Eklatante Fehler», wie ihr Anwalt betont. Er verlange deshalb bei solchen Beschwerden immer eine öffentliche Verhandlung, damit die Beschwerdeführer sich äussern können. «Ich stelle einen Beweisantrag, dass das Gericht eine persönliche Befragung der Beschwerdeführer durchführt», erklärt er. Hier liege nämlich das Problem. Das Gericht würde im Normalfall nur aufgrund der ­Akten der IV entscheiden.

Bei der Verhandlung am Mittwochmorgen entschied das Thurgauer Verwaltungsgericht dennoch, von einer persönlichen Befragung der Beschwerdeführerin abzusehen. Die Frau habe sich bereits in der Rechtsschrift sowie einleitend zum Verfahren ausführlich geäussert. «Wir werden das Gesagte würdigen», sagt der vorsitzende Richter.

IV-Stelle bleibt der Verhandlung fern

Die Versicherung verzichtete darauf, bei der Verhandlung anwesend zu sein. «Das finde ich schade und auch ein bisschen traurig», so die Beschwerdeführerin. Es vermittle für sie den Eindruck, als würde man sich gar nicht mit ihrer Beschwerde auseinandersetzen, als würde nicht seriös gearbeitet.

Die medizinische Praxisassistentin ist körperlich eingeschränkt. Vor Gericht merkt man ihr das nicht an. Sie berichtet aber, wie sie für alles etwas mehr Zeit brauche, was der Bericht einer Ergotherapie belege. «Es gibt Zeiten, an denen ich den Haushalt kaum schaffe», sagt die Frau. Unter anderem sei die Motorik ihrer rechten Körperseite eingeschränkt. Einmal im Monat könne sie ein Wochen­ende lang in einem Notfalldienst arbeiten. «Nach jedem Einsatz brauche ich jedoch einen Erholungstag.» Sie habe viele Bewerbungen geschrieben und sich weitergebildet. Doch kaum ein Arbeitgeber würde ihr die zusätzliche Zeit für eine Aufgabe gewähren.

Invaliditätsgrad von 40 Prozent

Im Gutachten, das die IV-Stelle eingeholt hatte, sehe es so aus, als sei zu faul zum Arbeiten und wolle gar nicht. «Dabei ist es so, dass ich nicht kann.» Der Anwalt sagt, dass bei seiner Klientin schon seit Jahren ein Invaliditätsgrad von 40 Prozent vorliege. Bereits bei 20 Prozent seien berufliche Massnahmen nötig. Für seine Klientin sei aber nichts gemacht worden.

Die Frau sagt: «Ich wünsche mir, dass sich gemeinsam mit der IV eine Lösung findet. Dass Abklärungen etwa zu meiner Belastbarkeit getroffen werden und dass die Fehler im Gutachten und den IV-Akten überprüft und ­korrigiert werden.» Das Verwaltungsgericht wird über das wei­tere Vorgehen schriftlich informieren.

Larissa Flammer

larissa.flammer@thurgauerzeitung.ch