WEINFELDEN: Eine Lehrstelle ist ihr grosses Ziel

45 eingewanderte Jugendliche lernen am Gewerblichen Bildungszentrum in Weinfelden Deutsch, Mathematik und Hauswirtschaft. Ebenso wichtig sind Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit.

Claudia Schumm
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Der Spanier Antonio Vargas, der Afghane Khaled Ebadi und die Sri Lankerin Tharany Uthayakumar üben die Anwendung des Wortes «trotzdem». Bild: Claudia Schumm

Der Spanier Antonio Vargas, der Afghane Khaled Ebadi und die Sri Lankerin Tharany Uthayakumar üben die Anwendung des Wortes «trotzdem». Bild: Claudia Schumm

WEINFELDEN. Ali Hassani würde am liebsten eine Mechanikerlehre machen. «Ich kann gut mit den Händen arbeiten und wünsche mir deshalb einen handwerklichen Beruf», sagt der Afghane, der vor 14 Monaten in die Schweiz gekommen ist. Der unbegleitete minderjährige Asylbewerber (UMA) besucht an drei Tagen pro Woche einen Integrationskurs am Gewerblichen Bildungszentrum Weinfelden (GBW), der ein Jahr dauert. «In der Schweiz ist es ganz anders als in Afghanistan, vieles hier ist noch neu für mich. Die deutsche Sprache ist für mich einfacher als Mathematik.»

45 ausländische Jugendliche lernen seit Mitte August am Gewerblichen Bildungszentrum Weinfelden (GBW) Deutsch, ausserdem Mathematik, Physik, Informatik und Hauswirtschaft. Hinzu kommen Sport und Lektionen in hauswirtschaftlichen Fächern. Die 34 männlichen und 11 weiblichen Jugendlichen sind auf drei Klassen aufgeteilt. Die Schüler mit den besten Deutschkenntnissen besuchen überdies einen halben Tag pro Woche eine reguläre Berufsschulklasse am GBW und schnuppern in verschiedene Berufe. «Die Nähe zum Gewerbe erweist sich immer wieder als grosser Vorteil», bemerkt Prorektor Jürg Hofer. 80 Jugendliche hatten sich für einen Platz im Integrationskurs beworben, der im Auftrag des kantonalen Migrationsamts durchgeführt wird.

Bewerber aus Europa, Afrika und Asien

Das Auswahlverfahren sei eine echte Herausforderung gewesen, sagt Prorektor Hofer: «Es haben sich Jugendliche ganz unterschiedlichen Alters aus Herkunftsländern in Europa, Afrika und Asien mit unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und Religionen beworben: Die einen mit einem gut gefüllten Bildungsrucksack, die anderen ohne Schulabschluss, manche mit guten Deutschkenntnissen, andere mit wenigen oder gar keinen.»

Denis Demiri möchte Polizist werden. «Aber zuerst werde ich mich vermutlich für eine Lehrstelle als Schreiner bewerben», sagt der Slowene. In seiner Klasse gefällt ihm, dass er nette Mitschüler kennengelernt hat. Von den Ausgewählten kam die eine Hälfte als Flüchtlinge, die andere Hälfte durch einen Familiennachzug in die Schweiz. Die grösste Gruppe bilden die Eritreer, gefolgt von den Afghanen, Portugiesen, Italienern und Syrern. Dazu kommen einzelne Schüler aus Somalia, Sri Lanka, Kosovo, Slowenien und Libyen.

«Und alle haben den gleichen grossen Wunsch: eine Lehrstelle zu finden», sagt Hofer. Der Weg zu diesem Ziel ist steinig. Es gebe oft nicht nur grosse schulische Hürden, sondern auch soziale Probleme zu überwinden. «In den letzten Jahren hat es sich gezeigt, dass die meisten nach nur einem zusätzlichen Jahr Unterricht nicht so weit sind, dass sie eine Lehre beginnen können.»

Marcel Volkart, Leiter des Amtes für Berufsbildung und Berufsberatung des Kantons Thurgau, bestätigt dies. «Eine Arbeitsgruppe konzipiert zurzeit im Auftrag des Kantons fürs nächste Schuljahr vier aufeinander abgestimmte Integrationskurse. Dies hat für die Schüler den Vorteil, dass sie jederzeit von einem Kurs zum andern wechseln können, wenn die Anforderungen dafür erfüllt sind.»

35 ausländische Jugendliche konnten am GBW nicht aufgenommen werden, weil sie nicht über die erforderlichen Voraussetzungen verfügten. Einige waren noch nicht 15 Jahre alt; damit waren sie für den Kurs zu jung. Laut Volkart sind die zuständigen Stellen daran, im Rahmen ihrer Möglichkeiten passende Alternativen für sie alle zu finden.

Lehrerinnen demonstrieren Stellung der Frau

Als Jeannette Steiner im August mit ihrer zusätzlichen Lehrtätigkeit in den Integrationsklassen startete, standen für sie ihre Fächer Deutsch und Sport im Vordergrund. «Wenn ich nun aber auf die ersten Wochen zurückblicke, sehe ich meine Hauptaufgabe darin, den ausländischen Jugendlichen unsere Werte zu vermitteln», sagt die langjährige Lehrerin im Bereich Berufsattest. «Es gibt Schüler in den drei Klassen, die gute Chancen auf eine Lehrstelle haben – nicht nur, weil sie die schulischen Voraussetzungen dafür erfüllen, sondern auch, weil sie zuverlässig, pünktlich, fleissig und ehrlich sind.»

Ein wichtiges Thema im Unterricht ist die gleichberechtigte Stellung der Frau in der Schweiz. Um dies zu verdeutlichen, setzt die Schulleitung laut Steiner gerne Lehrerinnen in den Integrationsklassen ein.

Steiner hat «den Eindruck, dass einige ausländische Jugendliche mit falschen Vorstellungen hierhergekommen sind. Ja, die Schweiz hat paradiesische Seiten, aber wir leben auch in einer Leistungsgesellschaft.»