WEINBAU: «Der gute Ruf steht auf dem Spiel»

Ein Jahrhundertfrost liess Blütentriebe ganzer Rebhänge erfrieren. Das wird zu massiven Ernteausfällen führen, weiss Rebbaukommissär Markus Leumann. Für die Weinbranche wird das Jahr zu einer Probe.

Silvan Meile
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Markus Leumann, Rebbaukommissär der Kantone Thurgau und Schaffhausen, spricht über die Auswirkungen der Frostnächte. (Bild: Reto Martin)

Markus Leumann, Rebbaukommissär der Kantone Thurgau und Schaffhausen, spricht über die Auswirkungen der Frostnächte. (Bild: Reto Martin)

Silvan Meile

silvan.meile@thurgauerzeitung.ch

Markus Leumann, nach grossen Sorgen aufgrund der Kirschessigfliege oder Pilzbefällen kommt nun aus den Rebhängen die Hiobsbotschaft von massiven Frostschäden. Müssen wir Angst um den Thurgauer Wein haben?

Der Herausforderungen werden tatsächlich nicht weniger. Die Kirschessigfliege ist ein eingeschleppter Schädling, eine Folge der Globalisierung, während Pilzproblematiken schon immer auftraten. Auch Frost gab es immer wieder. Doch das Ausmass der Frostschäden in diesem Jahr ist neu beziehungsweise sehr selten da gewesen. Ein Jahr mit vergleichbarem Schadensausmass war 1957.

Sie sprechen deshalb von einem Jahrhundertfrost

Wir hatten am 20. und dem 21. April sowie am 29. und dem 30. April vier Frostnächte. In dreien dieser Nächte hatten wir enorm hohe Luftfeuchtigkeitswerte und gleichzeitig Temperaturen unter null Grad. Eine solche Wetterkonstellation habe ich zum ersten Mal erlebt. Diese Nacht bedeutete für sehr viele der Rebknospen den Tod. Die Blütentriebe waren schon weit und durch die vorangegangenen Frostnächte geschwächt.

Wie gross ist das Ausmass der Schäden in den Rebhängen?

Wir gehen davon aus, dass 80 bis 90 Prozent der Hauptknospen in den Kantonen Thurgau und Schaffhausen abgestorben sind. Im Thurgau zeigt sich die Situation aber sehr unterschiedlich. In Gewässernähe am Untersee oder am Rhein gleicht das Wasser die Kälte etwas aus. Dort haben wir deutlich weniger Schäden. An anderen Orten, etwa in Muldenlagen, haben wir teilweise einen Totalausfall.

Wo sind die Folgen der Frostschäden am gravierendsten?

Besonders schlimm traf es die Regionen Götighofen, Weinfelden, Iselisberg und das Gebiet von Uesslingen bis Schlattingen.

Dort muss also sogar mit Totalausfällen gerechnet werden?

Die Rebenzweige sterben nie vollständig ab. Wie sich die Nebenknospen entwickeln, ob sie noch Blüten treiben, wissen wir erst in etwa drei, vier Wochen. Es gibt dieses Jahr also tendenziell einen späten Jahrgang. Wenn uns die Witterung von nun an bis Ende Oktober gut gesinnt sein sollte, haben die Nebenknospen das Potenzial, vollständig auszureifen und Trauben in guter Qualität hervorzubringen. Es bleibt aber ungewiss, wie viel des Ausfalls damit kompensiert werden kann.

Sind unter den Thurgauer Rebbauern aufgrund des Jahrhundertfrosts auch Existenzen bedroht?

Das kann ich so nicht beantworten. Natürlich dürfte es zu Liquiditätsengpässen kommen. Es wird Geld fehlen. Vor allem bei Selbstkelterern, die hauptsächlich vom Verkauf ihres eigenen Weins leben, dürfte dieses Jahr zu einer grossen Herausforderung werden.

Für Rebbauern gibt es Frostschutzversicherungen. Sind solche nicht abgeschlossen worden?

Bei vielen Winzern herrscht die Meinung vor, dass während der Lebensdauer einer Rebe – etwa 25 Jahre – gemäss Statistik nur mit einem schlimmen Frostereignis zu rechnen ist. Nur ganz wenige schliessen wohl daher eine Frostversicherung ab. Aber ich glaube, diese Statistik muss man korrigieren. Wir haben in den letzen fünf Jahren drei einschneidende Frostereignisse gehabt. Im Februar 2012 ein starker Winterfrost mit Temperaturen um minus 18 Grad. Das führte sogar zu Holzschäden, vor allem in den jungen Reben. 2016 hatten wir einen Spätfrost, bei dem 30 bis 40 Prozent der Hauptknospen erfroren sind. Dieses Jahr erfroren über 80 Prozent der Hauptknospen durch den Spätfrost. Die Winzer müssen den Umgang mit Risiken nochmals überdenken.

Erschwert der Klimawandel den Weinbau?

Auf den Frost bezogen, kann das sein. Generell besteht aber die Meinung, dass wärmeliebende Kulturen wie die Weinrebe eher von der erwarteten Klimaerwärmung profitieren dürften. Die Vegetationsentwicklung verlagert sich nach vorne, beziehungsweise die Blütentriebe entwickeln sich immer früher im Jahr, weshalb sich die Vegetations­dauer tendenziell verlängert und die Trauben optimal ausreifen können. Anderseits haben wir noch immer Frostereignisse. Beginnen also Kulturen früher zu blühen, so macht es sie auch anfälliger auf Frost. Das gilt insbesondere auch für Kirschen, Zwetschgen oder Steinobst, zum Beispiel auch für Aprikosen, die unterdessen im Thurgau angepflanzt werden.

Wie soll die Nachfrage nach Thurgauer Wein trotz der grossen Ausfälle erfüllt werden?

Der Thurgauer Wein erlangte in den letzten Jahren ein sehr gutes Renommee. Das ist der Verdienst verschiedener Winzer und Weinhäuser. Der gute Name steht nun aufgrund von Lieferengpässen auf dem Spiel. Ist man nicht auf dem Markt, so ist man mit seinem Produkt auch nicht im Gespräch und erst recht nicht beim Kunden. Das wird eine grosse Herausforderung für die Thurgauer Weinbranche.

Gibt es keine Lagerbestände?

Ein Winzer plant von einer Ernte bis zur nächsten. Optimal läuft es, wenn man die Weine verkauft und sie der Kunde bis zur eigentlichen Trinkreife bei sich lagert. Nur ein an einen zufriedenen Kunden verkaufter Wein ist ein guter Wein. Die Menge war aber im vergangenen Jahr schon knapp, nun müssen wir erneut mit einschneidenden Ernteausfällen rechnen.

Zumindest leidet diese Branche nicht unter dem Einkaufstourismus.

Ich wage zu behaupten, dass Einkaufstouristen andere Produkte kaufen. Thurgauer Wein ist ein regionales Produkt mit Vertrautheit zwischen Winzer und Konsumenten. Sie haben eine persönliche Beziehung, vertrauen einander. Einige Kunden fahren dafür extra in den Thurgau, der mittlerweile als Geheimtipp gilt. Sie kommen auch, um die Region zu erleben. Wenn das Produkt nun fehlt, besteht die Gefahr, dass jahrelange Kunden verloren gehen, weil sie etwa auf südamerikanische Weine ausweichen. Eine grosse Konkurrenz zu Deutschen oder Österreicher Winzern in der Bodenseeregion besteht hingegen nicht unbedingt. Abgesehen davon sind auch dort die Weinbauern von derselben Frost-Problematik betroffen.