Weil er könnte, wenn er wollte

AADORF. Wilhelm Fehr ist verärgert. Vor zehn Jahren erbte der Aadorfer von seinem Vater in Erlen eine 250 Jahre alte, leerstehende Scheune. Benutzt hat er sie noch nie. Dennoch soll er nun Eigenmietwert versteuern.

Olaf Kühne
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Baufällig und steht leer: Wilhelm Fehrs Scheune in Erlen. (Bild: Donato Caspari)

Baufällig und steht leer: Wilhelm Fehrs Scheune in Erlen. (Bild: Donato Caspari)

«Seit 31 Jahren bezahle ich meine Steuern in Aadorf – immer pünktlich», ärgert sich Wilhelm Fehr. «Aber das hier verstehe ich einfach nicht.»

Tatsächlich gab es während acht Jahren auch nichts zu verstehen. 2003 erbt der Aadorfer von seinem Vater in Erlen eine Scheune. Das Objekt an der Rösslistrasse ist rund 250 Jahre alt und mit baufällig schmeichelhaft beschrieben. «Der Schopf stand leer, als ich ihn erbte», erinnert sich Fehr. «Vom Dach tropft es rein, und auch an den Wänden hat es einzelne Löcher.» Dennoch versuchte der Aadorfer anfänglich, die Scheune zu vermieten. Er fragte die Bauern im Dorf, ob sie Interesse hätten oder allenfalls jemanden kennen. Erfolglos. Nun liess Fehr den Bau weiter leer stehen. «Eine Scheune könnte man bestimmt gut an einen Oldtimersammler vermieten», begründet er sein Vorgehen. «Aber doch nicht, wenn es reinregnet.»

Die paar Regentropfen im maroden Bauwerk störten Fehr denn auch nicht. Er spüre keinen Zwang, aus dem Objekt unbedingt etwas zu machen, sagt er. Vielmehr wolle er einer nächsten Generation überlassen, was mit der Scheune zu geschehen habe.

Mietwert, Eigenmietwert

Im Oktober 2011 war dann wieder einmal die periodische Gebäudeschätzung fällig. Der kantonale Beamte attestierte dem Schopf einen Wert von 16 230 Franken – und einen Mietwert von 2400 Franken. Kein Problem, dachte sich Wilhelm Fehr. Der Wert erschien ihm realistisch. Ebenso der eingesetzte Mietwert: «Wenn ich sie vermieten würde, bekäme ich wohl 200 Franken im Monat dafür.» Fehr akzeptierte die Schätzung.

Dass der Mietwert gleichbedeutend ist mit einem steuerpflichtigen Eigenmietwert, ahnte er damals nicht. Dies erfuhr er erst viel später vom Aadorfer Gemeindesteueramt, welches ihm den Mietwert aus der kantonalen Schätzung eins zu eins als Eigenmietwert anrechnete. Fehr erhob Einsprache. Darauf verlangte das Aadorfer Steueramt von ihm den «Nachweis über den abbruchreifen Zustand der Scheune und dass die Scheune leer steht». Fehr packte seine Digitalkamera ein, setzte sich ins Auto und lieferte die gewünschten Beweise.

Vergebens. Die kommunale Steuerverwaltung wies seine Einsprache ab. Die Einsprachefrist für die damalige Gebäudeschätzung sei längst abgelaufen. «Die Schätzung ist somit rechtskräftig», erklärt Manuela Stolz, Leiterin der Aadorfer Steuerverwaltung. «Und wir können uns lediglich auf die kantonalen Zahlen stützen.»

Paragraph 23

Beim Kanton wiederum will man zu Fehrs Scheune keine Stellung nehmen. «Auskünfte zu einem individuellen Einzelfall unterliegen dem Steuergeheimnis», schreibt Steuerverwaltungsvorsteher Jakob Rütsche in seiner Antwort auf eine Anfrage unserer Zeitung.

Rütsche liefert aber auch die Rechtsgrundlage für Fehrs Steuerrechnung. In Paragraph 23 des kantonalen Steuergesetzes sei dies geregelt. «Danach ist der Mietwert einer Liegenschaft steuerbar, die dem Steuerpflichtigen aufgrund von Eigentum für den Eigengebrauch zur Verfügung steht», so Rütsche.

Wilhelm Fehr zahlt also mehr Steuern, weil er seine Scheune nutzen könnte. Wenn er wollte.