Wegen Krankheit geschlossen

GACHNANG. Seit dieser Woche bietet die Gachnanger Arztpraxis keine ärztlichen Behandlungen mehr an. Hausarzt Ruedi Graf ist erkrankt. Damit droht die Gemeinde nach rund 60 Jahren die medizinische Grundversorgung zu verlieren.

Stefan Hilzinger
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Ärztliche Dienstleistungen, wie auf diesem Symbolbild zu sehen, gibt es derzeit in der Praxis Dr. Graf in Gachnang keine. (Archivbild: Ralph Ribi)

Ärztliche Dienstleistungen, wie auf diesem Symbolbild zu sehen, gibt es derzeit in der Praxis Dr. Graf in Gachnang keine. (Archivbild: Ralph Ribi)

«Herr Dr. med. Ruedi Graf wird aus gesundheitlichen Gründen auf unbestimmte Zeit nicht mehr in unserer Praxis in Gachnang praktizieren können», teilte das Santémed Gesundheitszentrum Frauenfeld den Patientinnen und Patienten vor gut einer Woche schriftlich mit.

Seit Mitte der 1980er-Jahre ist Ruedi Graf Hausarzt in Gachnang. Sein Vorgänger Jürg Weilenmann hatte die Praxis in den frühen 1950er-Jahren gegründet. Ältere Gachnanger können sich erinnern, wie einst Frauenfelder Ärzte mit ihren Autos in den Dörfern auf Hausbesuch fuhren. Dies könnte nun wieder der Fall werden, sollte die Arztstelle in Gachnang verwaist bleiben.

Shuttlebus nach Frauenfeld

Die Gachnanger Praxis ist seit Juni 2011 Teil des Frauenfelder Santémed Gesundheitszentrums. In der Deutschschweiz betreibt Santémed – eine Aktiengesellschaft innerhalb der Swica-Holding – zwanzig Zentren. Eines der jüngsten ist dasjenige in Frauenfeld. Ruedi Graf hat seine Praxis im Sinne einer Nachfolgeregelung in das Zentrum eingebracht und ist seither dessen Leiter.

«Wir fangen die Patientinnen und Patienten an unserem Standort Frauenfeld auf», erklärt Daniel Junker, Geschäftsführer von Santémed. Damit es nicht zu Kapazitätsengpässen komme, habe man zwei zusätzliche Ärzte aus anderen Standorten abgestellt. Die Mitglieder des Teams machten bei Bedarf auch Hausbesuche. «Ausserdem wird für Patienten ein Shuttlebus nach Frauenfeld eingerichtet. Ob und wie es in Gachnang weitergeht, hängt auch von der Gesundung von Ruedi Graf ab», sagt Junker weiter.

Zürcher Nachbarn betroffen

Der Gachnanger Gemeindeammann Matthias Müller bedauert die Entwicklung «ausserordentlich». Er findet, dass in einer Gemeinde wie Gachnang die medizinische Grundversorgung vor Ort gewährleistet sein sollte. «Zum Einzugsgebiet der Praxis gehören seit je her auch die benachbarten Zürcher Ortschaften wie Bertschikon oder Gundetswil», sagt Müller. Oftmals würden die Menschen ihren Arztbesuch mit einem Gang zum Metzger oder in einen anderen Laden verbinden, das sei nicht unwichtig für das örtliche Gewerbe.

Müller hofft nun auf das Wohnbauprojekt «Sunpark» (die TZ berichtete). Dort ist nebst Alterswohnung und einer Pflegeabteilung auch Raum für eine medizinische Praxis eingeplant. «Wir haben der Bauherrschaft unseren diesbezüglichen Wunsch zwar deutlich kundgetan», sagt Müller, aber die Gemeinde könne halt keinen direkten Einfluss nehmen, wie die Räumlichkeiten genutzt werden. Beim Umbau der ehemaligen Mosterei Gachnang in eine Wohn- und Geschäftsliegenschaft habe es Gespräche gegeben, die Arztpraxis dorthin zu verlegen, doch dies sei dann nicht zustande gekommen.

Vorbei mit Einzelkämpfertum

Der klassische Haus- und Landarzt, der quasi das ganze Jahr rund um die Uhr für seine Patienten da ist, macht sich rar. Die Schweiz leidet seit Jahren an chronischem Mangel an Hausärzten (siehe Kasten). «Das Einzelkämpfertum ist nicht mehr zeitgemäss», sagt Michael Siegenthaler. Er ist Präsident des Thurgauer Grundversorgervereins und medizinischer Leiter des Schlossberg Ärztezentrums in Frauenfeld. Wer als junger Mediziner eine Allgemeinpraxis nach klassischem Modell übernehmen wolle, müsse viel Geld investieren und dann vor allem sehr viel Arbeitszeit. «Dabei machen Partner und Familie einfach häufig nicht mehr mit», weiss Siegenthaler. Die Zukunft gehöre den Gemeinschaftspraxen, ist für ihn klar. «So kann die Last sowohl arbeitsmässig als auch finanziell auf mehrere Schultern verteilt werden», sagt Siegenthaler. Ob diese aber direkt von Krankenkassen betrieben werden sollen, ist für die Thurgauer Grundversorger fragwürdig. «Die Gefahr besteht, dass die Versicherer dann über die Medizin bestimmen.»

Ausgelastete Allgemeinpraktiker

Nach wie vor wichtig sei für die Patientinnen und Patienten in der Grundversorgung eine konstante Beziehung zu «ihrem» Hausarzt, weiss Siegenthaler. In Frauenfeld seien derzeit aber alle Einzelpraxen «voll» und auch das Schlossberg-Zentrum sei so gut wie ausgelastet.