Weg vom traditionellen Milchwirtschaftsbetrieb

Die Milchwirtschaft in der Schweiz befindet sich in einem Strukturwandel, der im Thurgau ungleich schneller vonstatten geht als in anderen Kantonen. Immer weniger Bauern produzieren immer mehr Milch. Zum Glück bieten sich für hiesige Landwirte Alternativen.

Mathias Frei
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Züchtung und Fütterung sei Dank: Kühe geben immer mehr Milch. (Archivbild: Hannes Thalmann)

Züchtung und Fütterung sei Dank: Kühe geben immer mehr Milch. (Archivbild: Hannes Thalmann)

WEINFELDEN. Von einer Flucht nach vorne spricht Jürg Fatzer, Geschäftsführer der Genossenschaft Thurgauer Milchproduzenten TMP. Eine Flucht, die aber nicht für jeden Thurgauer Milchproduzenten gut ausgehe. Fakt ist: Immer weniger Bauern, die im Thurgau in der Milchwirtschaft tätig sind, produzieren Jahr für Jahr mehr Milch (siehe Kasten).

Milchpreis im Tief

Die kontinuierliche Steigerung in der Produktionsmenge ist auch schweizweit ein Thema. Dementsprechend sinkt für die Produzenten der Milchpreis. Gemäss Bundesamt für Landwirtschaft ist der durchschnittliche Kilogrammpreis aktuell (per Mai 2012) auf den tiefsten Stand seit Beginn der Preisbeobachtung im Jahr 1999 gefallen: 58,11 Rappen. Vor elf Jahren gab es noch 80 Rappen pro Kilo. «Kühe können immer mehr Milch produzieren», erklärt TMP-Geschäftsführer Fatzer. Das liege am genetischen Fortschritt. Durch Fütterung und Züchtung werden die Tiere leistungsfähiger. Als dann die nationale Milchmengenkontingentierung 2009 fiel, war die Zeit gekommen, um die Produktivität zu steigern und wirtschaftlicher zu produzieren. Dies stellte die Bauern jedoch vor die Frage: wachsen oder aufhören?

Ein Bauer mit einem Stall für 24 Kühe habe auf 80 Plätze ausgebaut, zwei Kollegen in der gleichen Grössenordnung hätten mit der Milchwirtschaft aufgehört, sagt Fatzer. Das Bild des traditionellen Familien-Milchwirtschaftsbetriebs habe heute kaum mehr Bestand. Fatzer spricht sich wohl für einen nachhaltigen, sozialverträglichen Strukturwandel aus. Ein Wachstum von jährlich ein bis zwei Prozent sei sinnvoll. Im Thurgau sei dieser Wandel im nationalen Vergleich jedoch sehr viel schneller und intensiver vonstatten gegangen. Die fast schon industrielle Produktion sei wirtschaftlicher. «Aber es gehen auch gewisse Werte verloren.»

Zu wenig Planbarkeit

Als Bauer müsse man heute auf 25 bis 30 Jahre planen können. Zugleich seien die Rahmenbedingungen durch den Bund wenig berechenbar. Die Bauern würden sich fragen, was nach der Bundes-Agrarpolitik 2014–2017 komme. Die Voraussetzungen in der Landwirtschaft seien einfach nicht vergleichbar mit der übrigen Wirtschaft. «Denn wir arbeiten mit der Natur», sagt Fatzer.

Ein Grund für den gesteigerten Strukturwandel in der Thurgauer Milchwirtschaft sieht Fatzer im Naturell des hiesigen Landwirts. «Der Thurgauer Bauer ist nicht stur, sondern fortschrittlich, und reagiert schnell auf Veränderungen.» Die Ausbildung auf dem Arenenberg sei gut, und als Bauer habe man aufgrund der topographischen Verhältnisse in verschiedenen Landwirtschaftsbereichen Alternativen. «Und mit Milch verdienen immer weniger Bauern noch Geld», meint Fatzer.