Wasserkraft brechen oder nutzen

Was ist wichtiger: Die Renaturierung der Thur oder die Nutzung der erneuerbaren Energie, die sie spendet? Beim Hochwasserschutzprojekt Bürglerau konkurrenzieren sich diese beiden Aspekte.

Marina Winder
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Das kleine Wasserkraftwerk in Bürglen wird durch das geplante Hochwasserschutzprojekt vermutlich nur minim beeinflusst. (Bild: Donato Caspari)

Das kleine Wasserkraftwerk in Bürglen wird durch das geplante Hochwasserschutzprojekt vermutlich nur minim beeinflusst. (Bild: Donato Caspari)

WEINFELDEN. Gegen das Hochwasserschutzprojekt Bürglerau sind mehrere Einsprachen eingegangen. Zwei davon stammen vom Wasserkraftwerkbetreiber Kaspar Böhi. Wird das Projekt Bürglerau wie geplant umgesetzt, befürchtet er zum einen Auswirkungen auf sein bestehendes Wasserkraftwerk in Bürglen. Zum anderen, und das fällt für ihn stärker ins Gewicht, lohnt es sich für ihn nicht mehr, das geplante Wasserkraftwerk in Weinfelden zu bauen. «Bei einem so grossen Projekt müsste man die Thematik der Energienutzung doch berücksichtigen und stärker gewichten», sagt Böhi.

Er erhält Unterstützung aus dem Weinfelder Gemeinderat. Walter Strupler sagt: «Wenn wir schon vom Atomausstieg reden, müsste man einem solchen Projekt gegenüber doch offener eingestellt sein».

Leistung beeinträchtigt

Kaspar Böhi ist Geschäftsführer der Thurkraftwerk AG und der Kraftwerke Weinfelden AG. Die Thurkraftwerk AG betreibt im Thurgau insgesamt fünf Wasserkraftwerke. Vom Projekt Bürglerau ist jenes in Bürglen betroffen, das 3 500 000 Kilowattstunden im Jahr produziert. Böhi hat Einsprache gegen das Hochwasserschutzprojekt eingereicht, weil er Auswirkungen auf sein Kraftwerk befürchtet. Die vermehrte Ablagerung von Kies könnte zu einem grösseren Rückstau führen, wodurch das Wasser weniger gut abläuft, und die Leistung des Kraftwerkes reduziert würde. Er gehe aber davon aus, dass die Beeinträchtigung nicht allzu gross wäre. «Leider weiss ich das aber nicht genau, wir haben keinen Einblick in die detaillierten Unterlagen des Projektes.»

Schwerer auf dem Magen liegt ihm die Sache mit dem geplanten Wasserkraftwerk in Weinfelden. Die Kraftwerke Weinfelden AG will dort in der Nähe des bestehenden Wehrs bei der Badi ein neues Kraftwerk bauen, ähnlich wie jenes in Kradolf-Schönenberg. «Leider sind wir beim Kanton nicht auf offene Ohren gestossen, als wir unser Projekt mit dem Projekt Bürglerau koordinieren wollten», sagt Böhi. Dabei habe er sein Projekt schon vor eineinhalb Jahren vorgestellt. «Jetzt tut der Kanton so, als wenn wir zu spät dran wären.» Um das Wasserkraftwerk realisieren zu können, müsse man es jetzt einplanen. «Im Nachhinein lässt sich nicht mehr viel machen», sagt Böhi.

Beim Kanton heisst es dazu: «Wasserkraftnutzung ja, aber nicht auf der ganzen Länge.» Das Amt für Umwelt hat eine Grenze festgelegt, die vom Einflussbereich des Wasserkraftwerkes nicht überschritten werden darf. Statt der gewünschten 2200 Meter, auf der die Kraftwerke Weinfelden AG das Wasser in Weinfelden stauen will, gesteht ihr der Kanton 1450 Meter zu. Weniger Länge führt zu weniger Gefälle und das zu weniger Leistung. «Ich kann doch kein halbes Kraftwerk bauen», sagt dazu Böhi.

«Wir haben einen Zielkonflikt»

Bau- und Umweltdirektor Jakob Stark sieht das Problem. «Wir haben einen Zielkonflikt.» Konkret konkurrenzieren sich die Renaturierungsziele einerseits und die Wasserkraftnutzung andererseits. Nicht betroffen ist der Hochwasserschutz. Dieser kann laut Stark mit oder ohne Wasserkraftwerk garantiert werden. «Die Renaturierungsziele aber sind in den Richtlinien des Bundes vorgegeben. Er knüpft seine Subventionen an diese Bedingungen.» Für den Bau- und Umweltdirektor besteht auch ein zeitliches Problem: «Während das Hochwasserschutzprojekt fertig ist, befindet sich das Wasserkraftwerkprojekt noch in der Planungsphase.» Er signalisiert aber Gesprächsbereitschaft: «Es muss uns gelingen, die verschiedenen Interessen auszutarieren. Das wird aber noch einige Zeit in Anspruch nehmen», sagt Stark. Letzter Punkt ärgert ihn: «Wir befürworten die Wasserkraftnutzung. Aber ich bedaure den Zeitverlust für das Hochwasserschutzprojekt.»