WASSER: Zurück zur Natur in achtzig Jahren

In den nächsten achtzig Jahren sollen 189 Kilometer Thurgauer Bäche und Flüsse revitalisiert werden. Kanton und Gemeinden legen bis 2018 die Gewässerräume fest, in denen eines Tages das Wasser wieder frei fliessen soll.

Thomas Wunderlin
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Marco Baumann am Ufer der Murg in Frauenfeld. Der Leiter der kantonalen Abteilung Wasserbau plant die Revitalisierung der Thurgauer Fliessgewässer. (Bild: Andrea Stalder)

Marco Baumann am Ufer der Murg in Frauenfeld. Der Leiter der kantonalen Abteilung Wasserbau plant die Revitalisierung der Thurgauer Fliessgewässer. (Bild: Andrea Stalder)

Thomas Wunderlin

thomas.wunderlin

@thurgauerzeitung.ch

Wasser ist für ihn ein Lebenselixier und das Element, um das sich bei seiner Arbeit alles dreht. Davon abgesehen habe er keine besondere Beziehung zum flüssigen Element, sagt Marco Baumann, der seit 1994 die Abteilung Wasserbau und Hydrologie in der Thurgauer Kantonsverwaltung leitet. Zum Wasserbau sei er in seiner beruflichen Laufbahn eher zufällig gekommen. Der Geologe mit Jahrgang 1955, der in der Region Basel aufgewachsen ist, wohnt auch nicht am Wasser, sondern in dem auf einem Hügel gelegenen Gerlikon.

Seine Antworten kommen schnell und leicht, oft zeigt sich darin ein hintergründiger Humor. Derzeit befasst sich Baumann mit der Revitalisierung der Thurgauer Flüsse und Bäche, eine Aufgabe, die der Bund den Kantonen mit dem Gewässerschutzgesetz von 2011 gestellt hat. Die Details der Umsetzung legt das kantonale Wasserbaugesetz fest, das der Grosse Rat diese Woche in zweiter Lesung berät.

Marco Baumann, muss man sich als Bewohner des Kantons Thurgau auf grössere Änderungen der Landschaft einstellen?

Ich hoffe, man wird etwas erreichen bei der Aufwertung unserer Fliessgewässer und dass das auch honoriert und bemerkt wird ­– honoriert von den Erholungssuchenden, die in einer intakten Landschaft spazieren wollen.

Wo werden Sie zuerst aktiv?

Zunächst kommt die Umsetzung des Thurrichtprojekts Weinfelden-Bürglen, sobald wir die rechtsgültige Bewilligung dafür haben. Nachher am Rheinufer. Eventuell an der Sitter und der Murg. An der Lützelmurg im Raum Aadorf wollen wir Defizite des Hochwasserschutzes beheben. Aufwertung in Kombination mit Hochwasserschutz wird eher akzeptiert als eine Revitalisierung allein.

Die Revitalisierung der Gewässer ist in der Bevölkerung wohl unbestritten, ausgenommen bei den Landwirten.

Es gibt immer Verlierer, wenn man etwas verändert. Wenn ich bei einem Bach einen naturnahen Zustand erreichen will, brauche ich einen Flächeneingriff ins Grundeigentum, vor allem im Landwirtschafts- und Bauland.

Wie viel Kulturland geht durch die gesamten geplanten Revitalisierungen im Kanton Thurgau verloren?

Bei der Thur sind wir es erst am Ausrechnen. Es sind zwischen 120 und 150 Hektaren, die in den nächsten 50 Jahren zwischen Bischofszell und Niederneunforn verloren gehen. Hier wollen wir der Thur mehr Platz geben innerhalb der Hochwasserdämme.

Können Sie einschätzen, wie viel es bei den Flüssen und Bächen insgesamt ist?

Nein. Das gäbe eine Zahl, die mit zu vielen Unsicherheiten behaftet ist. Durch Überbauungen gehen übrigens viel mehr landwirtschaftliche Flächen verloren als durch Revitalisierungen. So sind allein zwischen 1996 und 2008 im Kanton Thurgau 1200 Hektaren landwirtschaftliche Flächen überbaut worden.

Werden Bäche auch im Siedlungsgebiet revitalisiert? Der Weinfelder Giessen beispielsweise ist ein Kanal.

Auch der Giessen hat Potenzial für Verbesserungen. Die Häuser stehen sehr nah. Man kann die Mauern nicht wegnehmen, aber man kann vielleicht Tritte einfügen, um einen besseren Zugang zu schaffen für die Bevölkerung. Die Betonsohle kann man herausnehmen und neu gestalten. Es wird ein spannender Prozess.

Wie viel wird die Revitalisierung der Thurgauer Flüsse und Bäche insgesamt kosten?

Wir planen nur auf Vierjahresbasis. Der Grosse Rat hat die 34 Millionen Franken für den Abschnitt Weinfelden-Bürglen der Thur genehmigt. Bei der Revitalisierung des Rheinufers gehen wir von 2000 Franken pro Laufmeter aus. Wenn wir 20 Kilometer oder 15 Kilometer machen, können wir es hochrechnen. Ich getraue mich gar nicht zu rechnen, was es bei den Bächen kosten wird, wo die Gemeinden zuständig sind. Das wäre Spekulation.

Ein hoher Betrag?

Es sind grosse Finanzmittel nötig. Das ist die Herausforderung beim Projektieren. Wenn man den Konsens mit den betroffenen Grundeigentümern gefunden hat, muss man es durch Kanton, Gemeinde und Bund finanzieren. Der Bund hat genügend Mittel bereitgestellt für die nächsten zwanzig Jahre, sagt er. Aber wir haben auch schon gehört, dass der Finanzminister das Haushaltsgleichgewicht bis 2020 erreichen und mit den Investitionen herunterfahren will. Der Kanton konnte bis anhin immer genügend Mittel für die baureifen Projekte bereitstellen.

Das Bundesgesetz verlangt ja nicht, dass man alle Bäche in einen naturnahen Zustand bringen muss. Wie gross ist der Spielraum des Kantons und der Gemeinden?

Man muss immer die Wirtschaftlichkeit anschauen: ist es sinnvoll, ist es machbar und finanzierbar? Das sind die drei Kriterien, die man bei allen Projekten anwenden muss.

Was geschieht mit dem Thurrichtprojekt von 1979, nach dessen Vorgaben bisher gearbeitet worden ist?

Dessen Ziel war Hochwasserschutz mit einem technischen Lösungsansatz. Die Dämme sollten erhöht werden, die Thur begradigt bleiben. Wir schauen es jetzt von Bischofszell bis Niederneunforn nochmals neu an und schliessen es auf Stufe Machbarkeit ab. Wenn alle einverstanden sind und vor allem wenn es im Parlament begrüsst wird, dann erhalten wir den Auftrag, es nachher etappenweise umzusetzen.

Überarbeiten Sie auch die Strecke unterhalb der Murgmündung, die 1993 revitalisiert worden ist?

Nicht in erster Priorität. Da hat man schon einen gewissen Teil Ökologie hin­eingebracht. Die Binnenkanäle kann man aber noch aufwerten. Jetzt sind wir bei Weinfelden-Bürglen dran. Dann gehen wir in zweiter Priorität von Frauenfeld nach Weinfelden hinauf. Da haben wir immer noch mehr als hundert Jahre alte Dämme.

Kontrolliert der Kanton, ob die Gemeinden ihre Aufgabe erfüllen?

Wir helfen den Gemeinden bei ihrer Planung, beim Ausarbeiten der Konzepte. Wenn man etwa den Chemebach anschaut, macht man eine Planung über das Einzugsgebiet. Das geht bis ins Kemmental hinauf, mit Wigoltingen und Müllheim. Massnahmen, um Defizite zu beheben, kann man im obern Einzugsgebiet gemeinsam angehen, so dass der untere Teil weniger betroffen ist und weniger bauen muss. Gibt es Vorteile für die Unterlieger, berücksichtigt man das selbstverständlich beim Kostenteiler.