WASCHBÄREN IM THURGAU: Unerwünschter Einwanderer

Sie sind herzig, geschickt – und dürfen geschossen werden. Auch im Kanton Thurgau gab es schon einen Abschuss. Denn der eingewanderte Allesfresser bedroht die hiesige Fauna.

Christof Lampart
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In Deutschland weit verbreitet, in der Schweiz noch ein seltener Gast: Waschbär. (Bild: Susann Basler)

In Deutschland weit verbreitet, in der Schweiz noch ein seltener Gast: Waschbär. (Bild: Susann Basler)

Zwar wurde kürzlich wieder ein Exemplar im Kanton Aargau gesichtet. Trotzdem: Weder im Thurgau noch in der restlichen Schweiz gab es seit der Jahrtausendwende grosse Waschbärenpopulationen; der Gesamtbestand wird schweizweit auf rund 200 Tiere geschätzt.

Die eidgenössische Jagdstatistik führt seit dem Jahr 2000 15 Waschbärenabschüsse auf. Einer davon, im Jahr 2007, entfällt auf den Kanton Thurgau. Darüber hinaus wurde 2013 ein Waschbär von einem Zug überfahren, welcher dann zwischenzeitlich in einer Tiefkühltruhe im Naturhistorischen Museum landete und mittlerweile beim Präparator in der Arbeit ist. Beide Waschbärtötungen passierten übrigens bei Roggwil.

In Deutschland zur Plage geworden

Und doch sollte man die Situation nicht verharmlosen. Denn wo ein Tier ist, können auch mehrere sein. Und Waschbären vermehren sich explosionsartig – was man vor allem in Deutschland sieht. Dort ist beispielsweise die hessische Stadt Kassel in Fachkreisen mittlerweile zur zweifelhaften Ehre gelangt, die «europäische Hauptstadt des Waschbären» zu sein. Wer unter den Begriffen «Waschbären» und «Kassel» googelt, findet eine grosse Anzahl an Artikeln mit Überschriften wie «Waschbärplage in Kassel», «Waschbären haben ganz Kassel erobert» oder «Kassels pelzige Einwohner: Wenn Waschbären zur Plage werden».

Doch das war nicht immer so. Denn Waschbären waren in unseren Breiten bis vor wenigen Jahrzehnten nicht heimisch. Das änderte sich, als 1934 die vom damaligen Reichsjägermeister, der Nazi-Grösse Hermann Göring, geleitete Jagdbehörde grünes Licht für die Ansiedlung des bis zu 60 Zentimeter grossen amerikanischen Kleinbären gab. Göring wollte damit die einheimische Natur bereichern. Etabliert haben sich die Waschbären in Deutschland ohne Zweifel; Biologen gehen mittlerweile vom Bestand von bis zu einer Million Tieren aus.

Die grosse Einwanderung fand noch nicht statt

Dass der Waschbär kaum in der Schweiz und praktisch nicht im Thurgau vorkommt, ist für den Amtsleiter der kantonalen Jagd- und Fischereiverwaltung, Roman Kistler, ein Rätsel. «Es wird seit 20 bis 30 Jahren davon gesprochen, dass der Waschbär aus Süddeutschland, wo er zu Tausenden geschossen wird, zu uns einwandern wird. Aber bis jetzt ist es, bis auf einzelne Exemplare, nie geschehen», so Amtschef Kistler. Zumal auch ein Fliessgewässer wie der Rhein kein allzu grosses Hindernis darstellen sollte: «Waschbären sind hervorragende Schwimmer», weiss Kistler.

Können beträchtliche Schäden anrichten

Für die Einwanderungsthese spricht, dass vor wenigen Tagen ein Aargauer in «20minuten» einen Schnappschuss veröffentlichte. Auf dem ist ein in einem Baum sitzender Waschbär zu sehen. Der Waschbär habe interessiert zu ihm geblickt, schildert der Leserreporter. Und genau das macht die Tiere so «gefährlich»: Sie haben keine Scheu vor dem Menschen und – was fast noch wichtiger ist – keine natürlichen Feinde.

Dies führt dazu, dass sie sich an Orten, wo sie sich wohl fühlen, in Windeseile vermehren und auch in Siedlungsnähe Schäden anrichten: «Die Tiere sind sehr geschickt und machen dir praktisch alles auf; was wiederum zu beträchtlichen Schäden führt», erklärt der Direktor des Naturmuseums des Kantons Thurgau, Hannes Geisser.

Einheimische Tiere werden gefährdet

Da die Allesfresser durch ihr aggressiv-intelligentes Verhalten einheimische Tierarten in ihrer Existenz gefährden und Krankheiten einschleppen könnten, ist der Waschbär das ganze Jahr hindurch zum Abschuss freigegeben.

Das bestätigt Kistler: «Wenn ein Jäger einen Waschbären sieht, darf er ihn schiessen». Nicht einmal eine kleine Waschbären-Population will Kistler im Thurgau heimisch werden lassen: «Es reichen schon ein Männchen und ein Weibchen, um die Katastrophe in Gang zu setzen.»