Was hinter guten Bauten steckt

Das Architekturforum Ostschweiz stellt seit 2013 gute Bauten mit einem breiteren Themenspektrum in einer Artikelserie in dieser Zeitung vor. Jetzt sind 31 dieser Beiträge in einem Buch versammelt.

René Hornung
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Gratwanderung, Fotoessay im Buch 'Raum Zeit Kultur' (Bild: HANSPETER SCHIESS FOTOGRAFIE CH-)

Gratwanderung, Fotoessay im Buch 'Raum Zeit Kultur' (Bild: HANSPETER SCHIESS FOTOGRAFIE CH-)

«Gutes Bauen Ostschweiz» war seit 1990 ein klassischer Bauherrenpreis. Aus einer Vielzahl von Eingaben wählte eine Fachjury die besten Gebäude im geographischen Dreieck der Kantone Schaffhausen, Glarus und Graubünden aus, besichtigte die Favoriten und publizierte sie anschliessend in einem Buch. Die öffentliche Wirkung dieser Auszeichnungen sei aber relativ bescheiden geblieben, begründet Marko Sauer vom Architekturforum Ostschweiz den Wechsel zu einer neuen Publikationsform. Der Anstoss dazu kam nicht zuletzt vom St. Galler Kantonsbaumeister Werner Binotto – die Architektin Astrid Staufer von Staufer & Hasler Architekten Frauenfeld und Zürich hatte das Konzept verfeinert.

Seit Sommer 2013 erscheint eine Artikelserie im St. Galler Tagblatt und seinen Kopfblättern sowie im Liechtensteiner Vaterland. Im Monatsrhythmus werden dabei nicht mehr nur einzelne Bauten vorgestellt, sondern Themen rund ums Bauen breiter abgehandelt. Es geht auch um Planungen, um Landschaften und Infrastrukturen. So gehörte ein Bericht über den Ausserrhoder Leitfaden zur Umgebungsgestaltung rund um ein Haus ebenso in diese Serie, wie ein genauer Blick auf Industriebauten oder die Umnutzung von Zeughäusern. «Wir möchten erklären, was hinter einem einzelnen Projekt steckt», erklärte Marko Sauer anlässlich der Buchvernissage Anfang Woche. Er betreut die Reihe zusammen mit einer Redaktionskommission.

Artikelserie läuft weiter

Die Auswahl der Themen und der vorgestellten Bauten ist frei von Interessenbindungen. Wie schon im früheren System der Auszeichnungen für einzelne Bauten bezahlen die Kantone Schaffhausen, Thurgau, St. Gallen, Appenzell Innerrhoden, Glarus und Graubünden zusammen mit der Stadt St. Gallen und dem Fürstentum Liechtenstein die Recherchen und Beiträge. Nur der Ausserrhoder Kantonsbaumeister wollte am neuen Konzept nicht mehr mitmachen. Das Architekturforum Ostschweiz hat aus eigenen Reserven die Publikation der Serie im nun erschienenen Buch ermöglicht. Und dieses soll nur das erste einer Reihe sein, denn die Zeitungsartikel erscheinen weiter.

Der Fachjournalist Caspar Schärer, Redaktor der Architekturzeitschrift «werk, bauen + wohnen», stellt fest, dass Architekturberichte in Tageszeitungen eher ein Mauerblümchendasein fristen. Die Artikelserie, die das Architekturforum Ostschweiz betreut, sei da eine löbliche Ausnahme.

Für die Verlegerin Andrea Wiegelmann ist wichtig, dass sich die Texte nicht in erster Linie an Fachleute, sondern mit differenzierten Darstellungen an ein breites Publikum richten. «Die Serie soll zeigen, dass wir in einem Kulturraum leben und darin bauen.»

Erol Doguoglu, früher St. Galler Stadtbaumeister und jetzt Thurgauer Kantonsbaumeister, spricht lieber von «sorgfältigem» statt von gutem Bauen. Ihm ist wichtig, dass in Architekturtexten nicht zu viel Fachsprache vorkommt. Er selber müsse immer wieder Laien erklären, warum ein Projekt gut oder schlecht sei. Und gerade weil man in den Gemeinden nicht so gern über Baukultur rede, müssten sich Architekten und Planerinnen verständlich ausdrücken. Kein gutes Haar lässt er an den Baureportagen in den Zeitungen, die oft bei der Fertigstellung eines Neubaus erscheinen: «Das sind Tiefflieger, doch leider prägen sie sich beim Publikum ein», bedauert Doguoglu.

Texte in grösseren Zusammenhang gestellt

Die Anthologie zur Baukultur mit dem Haupttitel «Raum Zeit Kultur» will alle diese Ansprüche einlösen. Zusätzlich zu den 31 Zeitungstexten enthält der Band drei Essays. Architekt Thomas Schregenberger – nach Zürich ausgewanderter St. Galler – schreibt über Planungen im städtischen Umfeld. Ueli Vogt, Architekt und Kurator des Zeughaus Teufen, beleuchtet das Bauen in der Landschaft und Andrea Wiegelmann schreibt über «Werken Wirken Wandel». In diesen Essays werden die publizierten Texte in einen grösseren Zusammenhang gestellt. Unterbrochen ist das Buch von zwei Fotoessays des Tagblatt-Fotografen Hanspeter Schiess, der bereits einige Teile der Serie bebildert hat. Er unternimmt eine «Gratwanderung» in die Berge und zeigt Fassaden und Gebäude auf dem Areal Bahnhof Nord in der Stadt St. Gallen.

Die Gestaltung des Buches stammt vom Grafiktrio Samuel Bänziger, Rosario Florio und Larissa Kaspar. Sie machen es mit ihrer unkonventionellen Gestaltung dem Leser nicht immer einfach, denn sie haben die Originalzeitungstexte samt Titel, Vorspann und Bildlegenden in ein neues Layout überführt. Dabei stellen sie dem Text jeweils – auf einem anderen Papier – die Fotos gegenüber.

Weil sie aber darauf verzichten, jeden Artikel auf einer neuen Seite zu beginnen, und weil Bildlegenden immer auf der Höhe des Vorspanns angeordnet sind, entsteht an manch einer Stelle eine sogenannte Text-Bild-Schere. Erst mit vor- und zurückblättern entdeckt der Leser, was wozu gehört. Weil ausserdem die Fotoauswahl im Buch nicht überall mit der Erstpublikation in der Zeitung übereinstimmt, die Legenden aber nicht überarbeitet wurden, stolpert man über ein paar Ungereimtheiten. Im Ganzen aber ist die Anthologie, die sich auch im Titel vom «Guten Bauen» verabschiedet hat, eine grosszügig aufgemachte Publikation, die überrascht.

«Raum Zeit Kultur», Anthologie zur Baukultur, Herausgegeben vom Architekturforum Ostschweiz, Triest-Verlag, 2016, Fr. 39.–

Tagblatt-Fotograf Hanspeter Schiess hat die meisten Serieteile in unserer Zeitung bebildert. In zwei Fotoessays unternimmt er in der «Anthologie zur Baukultur» eine «Gratwanderung» in die Berge und er zeigt Fassaden und Gebäude auf dem Areal Bahnhof Nord in der Stadt St. Gallen. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Tagblatt-Fotograf Hanspeter Schiess hat die meisten Serieteile in unserer Zeitung bebildert. In zwei Fotoessays unternimmt er in der «Anthologie zur Baukultur» eine «Gratwanderung» in die Berge und er zeigt Fassaden und Gebäude auf dem Areal Bahnhof Nord in der Stadt St. Gallen. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Gratwanderung, Fotoessay im Buch 'Raum Zeit Kultur' (Bild: HANSPETER SCHIESS FOTOGRAFIE CH-)

Gratwanderung, Fotoessay im Buch 'Raum Zeit Kultur' (Bild: HANSPETER SCHIESS FOTOGRAFIE CH-)

Gratwanderung, Fotoessay im Buch 'Raum Zeit Kultur' (Bild: HANSPETER SCHIESS FOTOGRAFIE CH-)

Gratwanderung, Fotoessay im Buch 'Raum Zeit Kultur' (Bild: HANSPETER SCHIESS FOTOGRAFIE CH-)

Gratwanderung, Fotoessay im Buch 'Raum Zeit Kultur' (Bild: HANSPETER SCHIESS FOTOGRAFIE CH-)

Gratwanderung, Fotoessay im Buch 'Raum Zeit Kultur' (Bild: HANSPETER SCHIESS FOTOGRAFIE CH-)

Gratwanderung, Fotoessay im Buch 'Raum Zeit Kultur' (Bild: HANSPETER SCHIESS FOTOGRAFIE CH-)

Gratwanderung, Fotoessay im Buch 'Raum Zeit Kultur' (Bild: HANSPETER SCHIESS FOTOGRAFIE CH-)