«Was aber, wenn die Nacht in mir drinnen ist?»

Als Jugendlicher hing Henry Steiner auf der Strasse und in Bars herum. Das wurde ihm zum Verhängnis: 1960 wurde er «administrativ versorgt». Sechs Jahre lang litt er in den Ostschweizer Anstalten Bitzi, Kalchrain und Realta. Jetzt sucht er Genugtuung.

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Henry Steiner, ein Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen, studiert Protokolle und Akten: 1960 wurde er zur Nacherziehung in die Anstalt eingewiesen. (Bild: Urs Jaudas)

Henry Steiner, ein Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen, studiert Protokolle und Akten: 1960 wurde er zur Nacherziehung in die Anstalt eingewiesen. (Bild: Urs Jaudas)

«Das glaubt mir keiner», sagt Henry Steiner immer wieder. Er schüttelt den Kopf, als könne er es selber nicht mehr glauben. «Aber es ist wahr, genau so war es.» Heute ist Steiner 73 Jahre alt und kämpft um seine Anerkennung als Opfer eines inhumanen Fürsorgesystems. Das Leben hat ihn sichtlich gezeichnet.

Steiner wurde 1940 in Schaffhausen geboren und wuchs in prekären Verhältnissen auf. Den Vater sah er nie, die Mutter schuftete den ganzen Tag in der Textilfabrik. So wuchs er weitgehend allein auf. «Ich war ein Strassenkind», blickt er zurück. Mehr als die Hilfs- sowie die Volksschule absolvierte er nicht. Eine Lehre lag nicht drin. Mit 16 Jahren hing er in der Stadt und in Restaurants herum. Dann griffen die Behörden ein.

Steiner wurde 1958 unter Vormundschaft gestellt und musste zweimal zur psychiatrischen Abklärung in die Klinik Breitenau ZH. Trotz aller Analysen konnten die Ärzte aber keine Krankheit finden. Es gab nur Vermutungen über eine «latente Hebephrenie». Das bedeutet jugendliche Schizophrenie und war eine Modediagnose jener Zeit, die heute kaum mehr vorkommt, wie Psychiater bestätigen. Faktisch blieben nur «Haltlosigkeit», «Willensschwäche» und «Arbeitsscheu». Typische Bezeichnungen, mit denen schwierige, sozial unangepasste Menschen zu Objekten einer patronalen Fürsorge gemacht wurden.

In Anstaltskleidern durchs Dorf

1960 wies ihn die Vormundschaftsbehörde Schaffhausen «zur Nacherziehung» in die Anstalt Bitzi in Mosnang ein. Dort herrschte ein rigides Zwangssystem. Die Zöglinge wurden beim Eintritt kahlgeschoren. Tagwacht war um 6 Uhr, um 7.15 Uhr begann die Arbeit: Holzen, Misten, Pflanzen, Arbeit im Stall, Wege ausbessern. Abends war um 20.30 Uhr Bettruhe. Zwar gebot die Anstaltsordnung einen respektvollen Umgang mit den Jugendlichen, und körperliche Züchtigungen waren ausdrücklich verboten. Doch die Realität, wie sie Henry Steiner erlebte, sah anders aus.

«Wer aufbegehrte, erhielt vom Aufseher <eis a d'Schnorre>», erzählt er. Bei Ungehorsam, Widerrede und Trotzreaktionen gab es zur Strafe Dunkelhaft. Steiner erinnert sich noch gut an den Granitblock mit Pritsche, der als Bett diente. Die zwei Zellen im Keller hatten keine Fenster. Durch einen Schacht fiel lediglich fahles Licht. In den ersten drei Tagen wurde nur Wasser und Brot gereicht, sonst nichts. Steiner war mehrmals im Arrest. Seine längste Strafe habe zehn Tage gedauert, weil er entwichen war, berichtet er.

Als besonders entwürdigend blieb ihm der sonntägliche Kirchgang im Gedächtnis. «Niemand wurde dazu gezwungen, doch wer nicht mitwollte, wurde ins Zimmer gesperrt», erinnert er sich. Aufseher führten die Jugendlichen in Anstaltskleidung durchs Dorf. «Alle sahen: Jetzt kommen die Sträflinge.» Steiner vergisst die Blicke nie, denen sie ausgesetzt waren. «Das verfolgt mich noch heute. Ich bin traumatisiert.»

«Wir leisteten Zwangsarbeit»

Steiners Stimme stockt, wenn er an Mosnang denkt. «Das war keine Erziehung. Ich war ein Gefangener, der zu Zwangsarbeit verurteilt war.» Er vergleicht das Regime gar mit einem Konzentrationslager, wohlwissend, dass er damit provoziert und Kritik erntet. Doch ausreden lässt er sich das partout nicht: «Wir leisteten Zwangsarbeit, da gibt es keinen Unterschied.» Eingeschlossen in den Anstalten habe er seine Jugend verloren.

Steiner betont, dass er bis zur ersten Flucht aus der Bitzi keine einzige Straftat begangen habe. Erst als er mit zwei Kollegen ausriss, entwendeten sie ein Velo und nahmen in einer Badi Kleider mit, damit sie die auffällige Anstaltskluft ablegen konnten. Einer der Kollegen landete später in der Fremdenlegion, der andere ist heute ein psychisches Wrack. Steiner selbst kam bis Schaffhausen, dann griff ihn die Polizei auf und brachte ihn zurück. Nacherziehung habe er keine erhalten: keine Lehre, keine Ausbildung, keine Therapie, wie sie die Bitzi heute den Eingewiesenen anbietet. Dafür sah er, wie man kriminell werden kann.

Als 20-Jähriger begann er in der Bitzi zu rauchen. «Man konnte gar nicht anders», berichtet er. In der Hausordnung stand in Artikel 19: «Bei gutem Verhalten kann der Detinierte pro Woche 30 gr Tabak beziehen.» Detinierte hiessen im Amtsjargon die Insassen. Steiner sagt, das sei nichts anderes als «staatliche Anstiftung zur Nikotinsucht» gewesen. Vorher habe er nie geraucht. Heute hat Steiner eine kaputte Lunge. Er raucht noch immer viel zu viel.

Dunkelhaft bei Wasser und Brot

Die nächsten Stationen in seiner Anstaltskarriere waren Realta im bündnerischen Beverin und Kalchrain im Thurgau. Während er über Realta nicht klagen will – er hatte dort regelmässigen Ausgang und auch ein Verhältnis mit einer Pflegerin der benachbarten Klinik –, hat er über Kalchrain nichts Gutes auszusagen: «Dort bezog ich am meisten Schläge. Wir wurden bei jeder Gelegenheit mit einem Stock verprügelt und ebenfalls in Dunkelhaft bei Wasser und Brot eingesperrt.» Im März 1966 wurde er endlich entlassen, allerdings erst im zweiten Anlauf. Steiner sei mittlerweile «anständig, willig und arbeitsam», ist im seinerzeitigen Antrag an die Amtsvormundschaft zu lesen. Einschränkend heisst es aber, Steiner habe «seine eigenartige, gesellschaftlich kritische Einstellung nicht verloren».

Er sagt dazu: «Ich habe halt den Mund aufgemacht und laut Kritik geübt.» Dass er auch andere Zöglinge dazu ermunterte, ihre Meinung zu sagen, sei nicht gern gesehen worden. Wohl haben ihm auch Briefe mit kritischen Zeilen wenig Sympathien eingetragen. So schrieb er im November 1961 dem Chef der Schaffhauser Waisenbehörde über die Bitzi: «In dem Sie mir die Sonne nicht gönnen, offerieren Sie mir die Schattenseiten. Hier aber ist die Nacht. Was aber, wenn die Nacht nicht mehr um mich, sondern in mir drinnen ist?»

«Mein Leben ist doch nicht verjährt»

Nach den sechs Anstaltsjahren ging es ihm psychisch schlechter als vorher. Als Austrittsgeld erhielt er rund 60 Franken – «und das für sechs Jahre Arbeit!». Steiner schüttelt empört den Kopf. So wenig Geld für eine solche Maloche! Die Vormundschaftsbehörde musste ihm beim Austritt neue Schuhe kaufen, er hatte keine eigenen mehr. Die Freiheit als «Nacherzogener» erwies sich als Nullpunkt. Steiner musste neu beginnen und blieb doch im Geschehenen verhaftet. Sein ganzes Leben lang arbeitete er als Hilfsarbeiter und Magaziner, «da ich ja dazu zwangserzogen wurde», wie er sagt. Er fand bald ein Mädchen, und die Heirat erlöste ihn von der Vormundschaft. Heute lebt Steiner allein in einer einfachen Blockwohnung. Nur die Rassekatze Rasputin leistet ihm Gesellschaft. «Ich bin auf dem Existenzminimum», sagt er, AHV-Minimalrente mit Ergänzungsleistungen. Etwas Luft verschafft ihm seine Tochter mit monatlichen Zuwendungen. Sie weiss nichts von seiner schlimmen Jugend. Er hat es ihr nie erzählt.

Seit der Skandal um die Verdingkinder, die administrativen Versorgungen und der Zwangssterilisierungen von Frauen ans Licht gekommen ist, hat Steiner Hunderte von Stunden aufgewendet, um an seine Akten zu kommen. Er will Gewissheit über sein Leben, hat sich in die Vergangenheit festgebissen. Auf vielen Amtsstellen war er schon. So kamen zahlreiche Dokumente zusammen. Andere blieben für immer verschwunden. Sein bestimmtes Auftreten auf der Verwaltung löste nicht immer Freude aus. Manchmal bekam er zu hören: «Aber Herr Steiner, das ist doch alles längst verjährt!» Darauf gab er jeweils zur Antwort: «Mein Leben ist doch nicht verjährt!»

Nun liegt ein Wust von Berichten, Protokollen, Entscheiden und Aktennotizen vor ihm am Boden. Steiner wühlt und kramt in diesem Haufen, der wie ein Abbild seines Lebens erscheint: ein Durcheinander, Ordnung und Transparenz müssen erst hergestellt werden, Papier als stumme Zeugen einer Leidensgeschichte. Steiner ist von einem festen Gedanken beseelt: Er sucht Betroffene, die wie er in den 1960er-Jahren in der Bitzi oder in Kalchrain waren. «Ich brauche Zeugen, die das auch erlebt haben, sonst glaubt mir doch niemand.»

Thurgauer Regierungsrat hat reagiert

Und er will Gerechtigkeit. Zum Beispiel den Lohn für die Zwangsarbeit, den er nie erhalten habe. Zwischen 5 und 30 Rappen pro Tag hat er laut dem Anstaltsreglement der Bitzi aus dem Jahr 1932 für seine Arbeit zugut. Für Kalchrain hat er herausgefunden, dass die Insassen in den 1970er-Jahren mit 7 bis 9 Franken pro Tag entschädigt wurden. Das «Lohnguthaben», wie er es nennt, fordert er nun mit Zins und Zinseszins ein.

Dem Thurgauer Departement für Justiz und Sicherheit hat er bereits eine Rechnung über knapp 5000 Franken geschickt. Er wurde zu einer Besprechung nach Frauenfeld eingeladen, wo er die Dokumente auf den Tisch legte. Mit Erfolg: Der Thurgauer Regierungsrat gewährte ihm den verlangten Betrag im Sinne einer humanitären Massnahme für die Wiedergutmachung (siehe unsere Ausgabe vom Donnerstag). Es dürfte sich um eine der ersten erfolgreichen Entschädigungsforderungen in diesem Bereich handeln.

Ein Fall für den geplanten Nothilfefonds

Henry Steiner wäre wohl auch ein Paradefall für den geplanten Nothilfefonds für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen. Ob ein solcher je eingerichtet wird, steht jedoch in den Sternen (siehe Kasten). Steiner glaubt nicht daran, obwohl er im April extra nach Bern gereist ist, um am Gedenkanlass von Bundesrätin Sommaruga teilzunehmen. Zu viele Jahre sind schon vergangen. Zu viel Vertrauen ist verloren. Und doch macht Steiner weiter. Die Schatten seiner Jugend lassen ihn nicht los. Weil sie in ihm drinnen sind.

Ralph Hug