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Warum tut er sich das an?

Die EM zeigt es wieder deutlich: Die Fussballspieler sind die Stars – die Schiedsrichter oft die Buhmänner. Ihr Job ist anspruchsvoll: Innerhalb von Sekundenbruchteilen müssen sie Entscheidungen treffen. Zwei Thurgauer erzählen, warum sie gerne Schiris sind und was sie sich wünschen.
Ida Sandl
Simon Schmid auf dem Fussballplatz in Frauenfeld. Schiedsrichtersein sei ein geniales Hobby, meint er, würde sich aber mehr Respekt wünschen. (Bild: Reto Martin)

Simon Schmid auf dem Fussballplatz in Frauenfeld. Schiedsrichtersein sei ein geniales Hobby, meint er, würde sich aber mehr Respekt wünschen. (Bild: Reto Martin)

Der Fan liess sich nicht abschütteln. Vom Fussballplatz bis zur Mannschaftskabine lief er neben Simon Schmid her. Er redete auf ihn ein, beschimpfte ihn, drohte. Schmid ging einfach weiter, den Blick gerade aus, wie festgefroren. In der Kabine setzte er sich auf die Bank, stützte die Arme auf die Knie: «Hab ich jetzt wirklich falsch entschieden?», fragte er seine beiden Schiedsrichter-Kollegen.

Es war der Tag, als der FC Wängi gegen den FC Bazenheid spielte. Schmid (28) hatte in der Nachspielzeit auf Freistoss für Bazenheid entschieden. Bitter: Der Schuss ging ins Tor, zählte aber nicht. Schmid musste eine Unsportlichkeit pfeifen. Ein Spieler von Bazenheid hatte versucht, mit einer Schwalbe einen Penalty herauszuschinden.

Kein Mensch auf der Welt ist in diesem Moment einsamer als der Schiri. «Die beiden anderen Schiedsrichter haben das auch so gesehen», sagt Simon Schmid. Er sitzt im roten Trikot des FC Tägerwilen in einem Café in Frauenfeld, vor sich einen Eistee. «Der Entscheid war richtig.»

Wieso tut man sich das an?

Erst ab der 2. Liga gibt es Schiedsrichter-Assistenten: Für Schmid ein riesengrosser Unterschied. «Man kann sich austauschen, sich gegenseitig den Rücken stärken.» In der dritten Liga ist der Schiedsrichter ein einsamer Wolf, der Entscheidungen fällt, die einer Hälfte der Spieler und einer Fankurve meistens nicht gefallen. Im schlimmsten Fall passiert dann das: «Du sitzt nach dem Spiel mit der Mannschaft in einer Kabine und alle sind sauer auf dich.» Und dann fragt sich auch Schmid, was sich viele fragen: «Wieso tut ein Mensch sich das freiwillig an?»

Simon Schmid ist Lehrer, er blickt versonnen in seinen Eistee: «Es ist ein genial schönes Hobby.» Bei vielen fängt es damit an, dass der Verein einen Schiedsrichter braucht. Das werde dann meistens der, der nicht schnell genug Nein sage. Bei Simon Schmid war es anders, er wollte Schiedsrichter werden. Viele fangen an und hören wieder auf. Insgesamt rund 500 Schiedsrichter zählt der Ostschweizer Fussballverband. 68 neue Schiedsrichter gab es letztes Jahr, weiss Schmid. «Das ist eine erstaunlich hohe Zahl von Rochaden.»

Der Job fordert: Innerhalb von Sekundenbruchteilen muss der Unparteiische eine Entscheidung treffen. Ohne Kamera, die ihm die Szene heran zoomt, ohne Wiederholung in Zeitlupe. Keiner hat immer den perfekten Überblick, niemand kann alles sehen. Doch der Schiri pfeift und muss zu seiner Entscheidung stehen. «Es ist eine Lebensschule», sagt Schmid. Einmal habe ihn die Mutter eines Spielers nach dem Match bis zum Auto verfolgt. Sie wollte ihn überzeugen, dass ihr Sohn keine rote Karte verdient habe.

Psychologie auf dem Rasen

«Eine Lebensschule», das sagt auch Thomas Ammann, 26, gebürtiger Amriswiler. Seit er denken kann, wollte er Schiedsrichter werden. Noch an seinem 15. Geburtstag, dem Tag, an dem er das Mindestalter erreicht hatte, habe er sich zum Grundkurs angemeldet. «Ich sage gerne, wo es langgeht.» Man müsse seine Gefühle im Griff haben und psychologisch clever auf Spieler einwirken. Dabei lerne er nicht nur viel über andere Menschen, sondern auch über sich selber, sagt Ammann: «Das hilft einem im Leben enorm weiter.» Er arbeitet im 80-Prozent-Pensum als Leiter Produktion Verteilschlüssel beim Verband öffentlicher Verkehr. Ab Herbst beginnt er berufsbegleitend ein Masterstudium.

Ammann ist Schiedsrichter-Assistent in der 1. Liga. Das fussballerische Niveau sei viel höher als in der 2. Liga oder in der 2. Liga interregional. Die Teams und Vereine seien professioneller organisiert. Es kämen mehr Zuschauer auf den Platz und die Medien würden sich für die Spiele interessieren.

Die Wertschätzung fehlt

Aber auch der Druck nimmt zu. In der 1. Liga werde der Schiri nach jedem dritten oder vierten Spiel von einem Experten bewertet. Der Lohn für die Mühe sei das schöne Gefühl, zu den 150 besten Schiedsrichtern im Land zu gehören, sagt Ammann und relativiert: «Kaufen kann man sich davon nichts, von aussen gibt es keine Wertschätzung.»

Im Gegenzug muss ein Schiri einiges opfern: Die Aufgebote kommen monatsweise und die Spielorte erfahre er erst zehn Tage im voraus. Während der Saison könne man fast kein Wochenende vorzeitig verplanen.

Streng sind die Regeln des Verbandes. Schmid war noch in der Lehre als Laborant, als er einmal vergass, die Raute-Taste zu drücken, nachdem er das Resultat eines Matches der Swiss Football League telefonisch gemeldet hatte Er habe 50 Franken Strafe zahlen müssen. Sagt ein Schiri einen Match nicht mindestens elf Tage vorher ab, muss er ein Arztzeugnis oder eine Bestätigung vom Chef bringen, sonst kostet es 20 Franken oder mehr. Je nachdem, wie kurzfristig die Absage kommt. Schmid findet, der Verband sei recht schnell mit Bussen. Er hat über 300 offizielle Spiele geleitet, ist 2.-Liga-Schiedsrichter, 2.-Liga-international-Schiedsrichter-Assistent, Präsident der Fussballschiedsrichter-Trainingsgruppe Thurgau. Ein Schiri mit Herzblut.

Fehler wiegen schwerer

Manchmal würde er sich mehr Anerkennung und Rückendeckung von Verband und Vereinen wünschen. «In keinem anderen Sport darf man so mit dem Schiedsrichter umgehen wie im Fussball.» Ammann beobachtet, dass Fehler von Schiedsrichtern schwerer wiegen als die von Spielern. «Hier braucht es wohl noch etwas Umdenken in der Öffentlichkeit.» In England würden Trainer und Spieler schon gebüsst, wenn sie sich zu kritisch über einen Schiedsrichter äusserten.

Doch das Positive überwiegt: Thomas Ammann schwärmt von dem «überwältigendem Gefühl» nach einem schwierigen Spiel als Schiedsrichter mit zwei Kameraden in der Garderobe zu sitzen und stolz auf die eigene Leistung zurückblicken zu können.

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