Wann ist ein Brief ein Erpresserbrief

Ein Mann schickt einen Brief an seine ehemalige Anwältin. Darin schreibt er von «Gliedmassen abtrennen». Das Obergericht Thurgau behandelt den Fall.

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FRAUENFELD. Versuchte Erpressung oder nicht? Mit dieser Frage beschäftigte sich gestern das Obergericht des Kantons Thurgau. Das Bezirksgericht Kreuzlingen verurteilte einen heute 38jährigen Mann dieses Vergehens. Damit waren Verteidiger und Staatsanwalt nicht einverstanden. Die Vorinstanz habe die falsche Ziffer für die Straftat verwendet, sagte der Staatsanwalt vor Obergericht. Der Verteidiger war nicht einverstanden, dass sein Mandant der versuchten Erpressung schuldig gesprochen wurde. Die Berufung strengten der Verurteilte, der Verteidiger und der Staatsanwalt an.

Ein Brief an die Anwältin

Der Hauptvorwurf gründet in einem Brief, den der Beschuldigte 2008 an seine ehemalige Anwältin geschickt hatte. Darin forderte er Schadenersatz über 350 000 Euro. Begründung: Berufsgeheimnisverletzung. Er schreibt, dass er sich bei Zahlungsverzug erlauben würde, jemanden vorbeizuschicken, um Gliedmassen abzutrennen. Auch zu lesen ist der Begriff «internationale Züchtigung» und das Bibelzitat «Auge und Auge, Zahn um Zahn». Der Mann wurde im April 2008 in Bern festgenommen. Unterdessen verbrachte er 439 Tage in Untersuchungshaft.

Mangelnde Ernsthaftigkeit

Vor Obergericht sagte der Verteidiger: «Ein solches Schreiben kann und darf man nicht ernst nehmen.» Ein Erpresser würde nicht die eigene Adresse und das eigene Konto angeben. Auch die Verwendung des Phantasiebegriffs «internationale Züchtigung» zeuge von mangelnder Ernsthaftigkeit. Der Staatsanwalt erachtet die Verurteilung als richtig. Nur sollte ihm eine andere Schwere zugrunde gelegt werden, was eine härtere Strafe zur Folge hätte.

Vor Obergericht wollte der Beschuldigte seine Version in einem viertelstündigen Vortrag darlegen. Der Obergerichtspräsident winkte ab, verwies ihn auf sein Schlusswort. In diesem sagte der Mann, dass ihm das Bewusstsein verändert würde. Weiter sprach der Mann von Gedächtnisverlust, beeinträchtigtem Justizsystem. Wie im erstinstanzlichen Urteil zu lesen ist, ist der Mann seit 2002 in psychiatrischer Behandlung. Von «anhaltend wahnhafter Störung» ist die Rede.

Das Obergericht teilt sein Urteil schriftlich mit. (seb.)