WANDERSCHAFT: «Der Wolf ist ein Opportunist»

Ein Wolf hat wahrscheinlich vergangene Woche im Thurgau Schafe gerissen und verletzt. Woher er kommt, was er hier macht und wieso er auf Reise ist, sagen zwei Experten.

Marcel Jud
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Der Wolf, das unbekannte Wesen: Tierpark Bruderhaus, Winterthur. (Bild: Benjamin Manser (Winterthur, 16. Februar 2016))

Der Wolf, das unbekannte Wesen: Tierpark Bruderhaus, Winterthur. (Bild: Benjamin Manser (Winterthur, 16. Februar 2016))

Marcel Jud

marcel.jud@thurgauerzeitung.ch

Vieles deutet darauf hin, dass ein Wolf im Thurgau unterwegs war: Vergangene Woche wurden in Hohentannen und Uesslingen mehrere Schafe gerissen. Ob ein Wolf dahintersteckt, wird erst die Auswertung der genetischen Proben zeigen. Das dauert allerdings ein paar Wochen. Einige Fragen zum Wolf im Thurgau können schon jetzt beantwortet werden.

Woher kommt der Wolf?

Wahrscheinlich aus dem Bündner Calanda-Rudel oder Italien. «Da ist alles möglich», sagt Ralph Manz von Kora. Der Nonprofit-Verein überwacht im Auftrag des Bundes die Entwicklung der Raubtierpopulationen in der Schweiz. Ein Wolf kann in einer Nacht 50 Kilometer zurücklegen, fügt Barbara Vincenz vom WWF St. Gallen an: «Da er so weite Strecken zurücklegt, ist es schwierig zu bestimmen, woher ein Wolf stammt – ausser man verfügt über seine DNA und kann diese einem bestimmten Rudel zuordnen.»

Warum ist er im Thurgau?

«Aus dem Calanda-Wurf von 2012 zogen alle uns bekannten Wölfe Richtung Westen und Süden», sagt Manz. In letzter Zeit hätten er und sein Team beobachten können, dass es einige Calanda-Wölfe vermehrt Richtung Norden zieht. «Dass man den Wolf nur im Gebirge antrifft, ist eine Fehlmeinung», sagt Vincenz. Der Wolf finde sich auch im Kulturland gut zurecht, wenn dieses nicht zu dicht besiedelt sei. «Der Wolf ist ein Opportunist», sagt Manz. Er sei sehr anpassungsfähig und brauche nur genügend Beute zum Jagen und genug grosse Wälder als Rückzugsort. Aber es sei unwahrscheinlich, dass sich Wölfe im Mittelland ansiedeln werden. Die drei grossen Rudel der Schweiz siedeln alle in Gebirgsregionen: im Calanda-Tal, dem Nordtessin und den Walliser Alpen.

Wer ist der Wolf?

Ein 1- bis 2-jähriger Jungwolf, der sein Familienrudel verlassen musste, da neuer Nachwuchs unterwegs ist. «Immer im Frühjahr, zur Paarungszeit, wandern die meisten Jungwölfe ab», sagt Manz. Dann machen sich die Jungwölfe auf die Suche nach einem eigenen Revier und einer Partnerin – oder einem Partner, denn auch Jungwölfinnen begeben sich auf Wanderschaft, um ein eigenes Rudel zu gründen.

Wann ist er unterwegs?

In Gegenden, wo sich auch Menschen bewegen, ist der Wolf in der Dämmerung und nachts aktiv. «Während des Tages sucht er sich einen geschützten Ort, wohin er sich zurückziehen kann», sagt Vincenz.

Warum reisst er die Schafe nur und frisst sie nicht?

«Wenn der Wolf seine Beute reisst, frisst er sie normalerweise», sagt Manz. Wenn er seine Beute liegen lasse, sei er wahrscheinlich gestört worden.

Weshalb hat der Wolf so viele Schafe gerissen?

Ist sein Jagdinstinkt geweckt, versucht der Wolf zu reissen, was ihm vor die Schnauze kommt. «Schafe verfügen nicht über den gleichen Fluchtinstinkt wie etwa Wild», sagt Vincenz: «Wenn der Wolf Rehe jagt, erwischt er maximal ein Tier.» Zeitweise müsse ein Wolf tagelang ohne Nahrung auskommen. Treffe er nun auf Schafe, die eingesperrt seien und nicht fliehen könnten, führe dies zu einer Überreizung: Der Wolf reisst dann alles, was sich in seiner Nähe bewegt.

Ist er eine Gefahr für den Menschen?

Nein, der Wolf scheut den Menschen. «Wenn er bemerkt, dass Menschen in der Nähe sind, zieht er sich zurück.», sagt Manz. Neugierige Jungwölfe tauchten manchmal auch bei Siedlungen auf. Wichtig sei dabei, dass man die Wölfe nicht anfüttere. «Angefütterte Wölfe können für den Menschen gefährlich werden, da sie sich das Futter holen wollen.»