WALLENWIL: Die «alte Dame» mag nicht mehr

Nach 70 Jahren und über 1,5 Millionen Litern gepressten Süssmosts stellt die Mosterei ihren Betrieb ein. Ein Grund dafür ist die magere Obsternte in diesem Herbst. Das Ende hat sich aber schon länger abgezeichnet.

Christoph Heer
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Die alte Mostpresse lief in diesem Herbst zum letzten Mal. (Bild: Christoph Heer)

Die alte Mostpresse lief in diesem Herbst zum letzten Mal. (Bild: Christoph Heer)

Christoph Heer

hinterthurgau@thurgauerzeitung.ch

Es ist ein trauriges Kapitel. Ein weiteres trauriges Kapitel aus Wallenwil, ist man versucht zu sagen. Nachdem sich der Männerchor vor einigen Jahren und der Dorfverein in diesem Sommer aufgelöst haben, geht eine weitere langjährige Ära zu Ende: Die Lohnmosterei wird in diesem Herbst zum letzten Mal betrieben. Nicht zuletzt, da die Bauern infolge des Kälteeinbruchs im Frühling nur wenig Mostobst haben.

Das bestätigt Walter Heer. Er amtet bis zum Schluss hin als Kassier der noch bestehenden und dreiköpfigen Mostereikorporation Wallenwil. Für ihn geht auch eine Familiendynastie zu Ende. 1947 wurde die Korporation von seinem Vater gegründet. «Damals konnte er sich für 5000 Franken diese Presse ergattern, die bis heute mehr als anderthalb Millionen Liter Süssmost gepresst hat.»

Früher zehntausend Liter pro Herbst

Walter Heer hat selber vereinzelte Jahre als Moster gearbeitet, ehe er das Amt für über 20 Jahre an Hans Bosshart abgeben konnte. «Vor fünf Jahren standen wir schon mal vor dem Aus, da wir keinen Nachfolger für Hans Bosshart gefunden haben. Kurzfristig entschied sich dann mein jüngster Sohn, die letzten fünf Jahre weiterzumachen.» Für Heer zeichnete sich aber schon vor einigen Jahren ab, dass es nicht mehr lange weitergehen könnte. «Lief die Mosti früher während mehrerer Wochen, war sie in den vergangenen Jahren nur noch vereinzelte Tage in Betrieb. Oder in Litern gesprochen: Früher pressten wir pro Herbst einige 10000 Liter, in den letzten Jahren gerade mal knapp 4000.»

Die Wallenwiler Mosti war bei den Obstbauern in der Region überaus beliebt. Konnten sie hier doch jedes Mal ihre ganz eigene Früchtemischung vorbeibringen und ausschliesslich ihren eigenen Saft mit nach Hause nehmen. Was für etliche Bauern aber je länger je mehr zum grösseren Aufwand wurde, war die Tatsache, dass der frisch gepresste Süssmost nicht pasteurisiert wurde. So wurde in Wallenwil nur gemostet, und es musste andernorts für die Pasteurisierung gesorgt werden. Ein Umstand, der in der heutigen Zeit nicht mehr tragbar ist.

Was jetzt mit der alten Dame – so wird die Mosti liebevoll genannt – passiert, konnte noch nicht eruiert werden. Vielleicht findet sich ein Sammler. Oder ein Historischer Verein, oder ein Mechanikfan mit genügend Platz nimmt sich der alten Presse an, die mittlerweile zahlreiche Wehwehchen aufweist. Auch wie es mit dem vorderen Teil des Hauses weitergehen soll, weiss man nicht. Im hinteren Teil besteht schon seit längerer Zeit ein rege genutzter Party- und Ausstellungsraum.