Wahnwitz im Wahlkampf

Mit einer schwimmenden Hollywoodschaukel zog Heinz Keller vor vier Jahren auf dem Rhein in den Nationalrats-Wahlkampf für die SVP. Von der Schweizer Justiz fühlt er sich längst verschaukelt.

Gudrun Enders
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Heinz Keller sitzt auf seiner schwimmenden Hollywoodschaukel. (Bild: pd)

Heinz Keller sitzt auf seiner schwimmenden Hollywoodschaukel. (Bild: pd)

DIESSENHOFEN. Seinen Freispruch hält Heinz Keller inzwischen schwarz auf weiss in Händen. Genugtuung fühlt er keine. «Aber mein Frust hat sich nach vier Jahren Ärger und Kosten ein bisschen abgeschwächt», sagt der 71jährige Ingenieur.

Im Mai diesen Jahres hatte ihn das Kantonsgericht Schaffhausen freigesprochen, ein nicht betriebssicheres und nicht genügend manövrierfähiges Wasserfahrzeug in den Verkehr gebracht zu haben. Die Leidensgeschichte von Heinz Keller begann schon vor vier Jahren mitten im Wahlkampf, als er als Auslandschweizer in Schaffhausen für den Nationalrat kandidierte. Auch dieses Mal zieht Keller, der die längste Zeit des Jahres in Australien lebt, für die SVP in den Nationalrats-Wahlkampf. «Ich stehe dieses Mal auf der Liste für Basel-Landschaft.» Doch schon das Frauenfelder Bezirksgericht, das Ober- und sogar das Bundesgericht beschäftigten sich mit der schwimmenden Hollywoodschaukel. Da hagelte es Bussen für Keller: «Es kommen einige Tausend Franken zusammen.»

Jahrelang unbehelligt unterwegs

Vor 30 Jahren stellte Keller erstmals seine Holzschaukel auf zwei mit Styropor gefüllte Kajaks und bestritt damit das Sitter-Thur-Rennen. Danach liess sich Keller nach eigenen Angaben viele Jahre unbehelligt damit im Sommer den Rhein hinab treiben – bis er 2011 diesen Spass mit seinem Wahlkampf verband und seine Schwimmschaukel mit SVP-Fähnchen dekorierte. Damals zogen ihn Polizisten der Thurgauer Kantonspolizei aus dem Verkehr. Weil er mit der Busse nicht einverstanden war, verantwortete er sich vorm Bezirksgericht in Frauenfeld. Das verurteilte ihn, weil er ohne Haftpflicht und ohne Bootsausweis ein Schiff mit Maschinenantrieb fuhr. Für Keller ist das ein Witz, weil der Motor einem Mixer entstammte. Doch er lernte dazu und liess sich im nächsten Sommer ohne Mixermotor und mit Bootsausweis auf dem Rhein treiben – bis ihn die Schaffhauser Polizei aus dem Verkehr zog.

Kein Gesetz gegen Originalität

In beiden Fällen befand sich Keller auf deutscher Seite nahe Gailingen und wurde von der Polizei in die Schweiz spediert – ein Vorgehen dessen Rechtmässigkeit er anzweifelt. Von deutscher Seite hat der Ingenieur nichts zu befürchten. Die zuständige Behörde stellte ihm gar einen Bootsausweis für sein Gefährt aus. Auf Anfrage der Schaffhauser Staatsanwaltschaft antwortete das Konstanzer Landratsamt: «In unseren Gesetzen, Verordnungen, Richtlinien oder Normen gibt es keine Paragraphen, die ein solches Gefährt verhindern könnten.»