WAHLEN: Frauen übernehmen den Kanton

An der Spitze der Thurgauer Exekutive und Legislative stehen im neuen Amtsjahr zwei Frauen. Zur höchsten Thurgauerin wählte der Grosse Rat Heidi Grau-Lanz, neue Regierungspräsidentin ist Carmen Haag.

Sebastian Keller
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Frischgewählt und strahlend: Cornelia Komposch, Vizepräsidentin des Regierungsrates, Carmen Haag, Regierungsratspräsidentin, Heidi Grau-Lanz, Grossratspräsidentin, und Turi Schallenberg, Vizepräsident des Grossen Rates. (Bild: Andrea Stalder)

Frischgewählt und strahlend: Cornelia Komposch, Vizepräsidentin des Regierungsrates, Carmen Haag, Regierungsratspräsidentin, Heidi Grau-Lanz, Grossratspräsidentin, und Turi Schallenberg, Vizepräsident des Grossen Rates. (Bild: Andrea Stalder)

Sebastian Keller

sebastian.keller@thurgauerzeitung.ch

Ein letztes Mal läutete er mit der Glocke. Gallus Müller (CVP, Guntershausen) nahm gestern seine letzten Amtshandlungen als Präsident des Grossen Rates vor. Bevor er im Rathaus Frauenfeld zur Wahl seiner Nachfolgerin schritt, blickte er zurück auf sein Jahr als höchster Thurgauer. Von einem Funken Stolz beseelt, liess er es sich nicht nehmen zu erwähnen, dass er fünf Sitzungen ausfallen liess. «Damit habe ich etwas zu einem gesunden Staatshaushalt beigetragen», sagte er. Dieser Sparbeitrag ist erklecklich: Erhält jeder der 130 Kantonsräte für eine halbtägige Sitzung 150 Franken, konnten doch an die 100000 Franken gespart werden. Wie Müller bereits im Interview mit der TZ gesagt hat: «Wir haben die Aufgabe, die Geschäfte zu behandeln, die anstehen. Wenn es nichts mehr gibt, gibt es nichts mehr.» Total fünfzehn Sitzungen, drunter drei ganztägige, führte er dennoch durch. Schliesslich bedankte er sich bei seinen Grossratskollegen. «Ihr habt mir ein unvergessliches Jahr beschert.» Er kam zurück auf ein Anliegen, das er kurz nach seiner Wahl vor einem Jahr geäussert hatte. Diesmal bemühte er eine in Holz geschnitzte Inschrift im Regierungsgebäude Herisau: «Das ist der allerschönste Stil. Kein Wort zu wenig, keins zu viel.»

Zitternde Knie und Zuversicht

Von Applaus begleitet wurde auch die Wahl von Müllers Nachfolgerin. Mit 112 Stimmen von 120 abgegebenen wählte der Grosse Rat Heidi Grau-Lanz (FDP, Zihlschlacht) zur höchsten Thurgauerin. Nachdem sie auf dem präsidialen Stuhl Platz genommen hatte, sagte sie mit Blick in den Saal: «Gut, dass Sie nicht sehen können, wie jetzt gerade meine Knie zittern.» Sie bedankte sich für die Wahl und hob hervor, dass diese der Höhepunkt ihrer politischen Laufbahn sei. Aus ihrer Gemeinde, der sie vorsteht, sind schon früher zwei Regierungsräte und ein Grossratspräsident gekommen. «Offenbar ist Zihlschlacht-Sitterdorf ein guter politischer Nährboden», sagte die 58-Jährige. Das vergangene Jahr war sie Vizepräsidentin an der Seite Gallus Müllers. Sie sagte mit einem Augenzwinkern: «Für mich war das Jahr als Vizepräsidentin ein Lehrjahr erster Güte – fünf Probelektionen kamen mir aber abhanden.»

Sie wolle sich nun mit ganzer Kraft und Erfahrung für dieses Amt und den Thurgau einsetzen. Als Präsidentin stehen ihr spannende Geschäfte bevor. Davon erwähnte sie einige. So etwa die zweite Lesung über das Frühfranzösisch, das Kreditbegehren über fast 27 Millionen Franken für einen Erweiterungsbau der Pädagogischen Hochschule Thurgau sowie der neue Richtplan. «Dabei wird das Parlament gefordert sein, den Blick fürs Grosse und Ganze zu schärfen.» Wenn sie aus ihrer neuen Perspektive in den Ratssaal blicke, sei sie sich sicher, «dass es uns gelingt».

Als Vizepräsident wählte die Grossratsmehrheit Turi Schallenberg (SP, Bürglen). Er erhielt 84 von 121 abgegebenen Stimmen; 25 Kantonsräte legten leer ein.

Das erste Mal für Carmen Haag

Gewählt wurde gestern auch die Regierungspräsidentin des Kantons Thurgau für die Amtszeit 2017/18. Als Nachfolgerin von Monika Knill (SVP) schlug der Regierungsrat Carmen Haag (CVP) vor. Sie bekam 116 der 121 abgegebenen Stimmen. Die 43-jährige Vorsteherin des Departementes für Bau und Umwelt bekleidet dieses Amt zum ersten Mal in ihrer magistralen Karriere. Sie schaffte im Jahr 2014 den Sprung in die Thurgauer Kantonsregierung. Zur Vizepräsidentin wählte der Grosse Rat die einzige Sozialdemokratin in der Exekutive: die 53-jährige Regierungsrätin Cornelia Komposch, die im Jahr 2015 ins Gremium gewählt wurde. Die Vorsteherin des Departementes für Justiz und Sicherheit erhielt 111 der 121 eingegangenen Stimmen.