WAGENHAUSEN: Klänge, so alt wie die Eidgenossen

Aus aller Welt pilgern Gläubige zur romanischen Propstei an traumhafter Lage direkt am Ufer des Rheins. Besonders wertvoll ist eine der drei Glocken im Kirchenturm. Sie datiert von 1291.

Samuel Koch
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Arno Stöckle, Pfarrer der Evangelischen Kirchgemeinde Wagenhausen, vor der Propstei. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Arno Stöckle, Pfarrer der Evangelischen Kirchgemeinde Wagenhausen, vor der Propstei. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Samuel Koch

samuel.koch

@thurgauerzeitung.ch

Sie wiegt rund 200 Kilogramm und ist knapp 70 Zentimeter hoch. Sie erklingt mit hellem Klang in der Es-Tonlage und läutet täglich um 11 Uhr vormittags oder vor Gottesdiensten – seit nunmehr 726 Jahren. Die Marienglocke im Kirchenturm der Propstei Wagenhausen dient schon so lange wie es die Schweizerische Eidgenossenschaft gibt – seit 1291.

Zwar nur ein Bruchteil der Historie der Marienglocke, nämlich rund 16 Jahre, horcht Arno Stöckle ihrem Geläut. «Der Klang ist sensationell und für mich einzigartig», sagt der Pfarrer, der die reformierten Kirchgemeinden Wagenhausen und Mammern betreut. Zudem amtet Stöckle als Dekan und Seelsorger der Klinik Schloss Mammern. Früher noch von Hand betätigt, erklingt das Geläut heutzutage mechanisch. Für gewöhnlich ertönen alle drei Glocken in einem gemeinsamen Spiel. «Ausser bei der Totenglocke, da erklingen die Glocken einzeln», sagt Stöckle. Die grosse bei Männern, die kleine bei Kindern und die Marienglocke bei Frauen.

Beliebt für Hochzeiten und Konzerte

Die ersten Erinnerungen an die Klänge der Marienglocke sind Arno Stöckle nicht mehr genau präsent. «Beeindruckt war ich vor allem von der Liebenswürdigkeit der Menschen und der Ausstrahlung dieses Kraftorts», sagt er. Diese Wertschätzung steht in den Gästebüchern geschrieben, die im jederzeit öffentlichen Kirchenschiff aufliegen. «Hier ist ein Ort, wo man den Heiligen Geist spürt», steht da. «Danke für die Liebe Gottes», steht dort. «Die Propstei ist ein Magnet», meint Stöckle. Jährlich finden in der Propstei 15 bis 20 Hochzeiten statt, viele Konzerte werden gespielt. Manche Touristen kämen sogar aus den USA oder Japan zurück in die Kirche in romanischem Baustil. Andere liessen sich gerne auf dem Friedhof begraben, «leider haben wir nicht für alle Platz», meint Stöckle. Als wichtigsten Eckpfeiler für den weltweiten Bekanntheitsgrad empfindet er die Wertschätzung und das Engagement der Gemeinde. «Menschen, die in Wagenhausen wohnen, wissen um ihren besonderen Schatz.» So würden sich alle vorbildlich um den Erhalt der Propstei kümmern. Zudem sei ein grosser Stolz spürbar, wenn Wagenhausener von ihrer Kirche erzählen.

Als Besonderheit der Propstei zeichnet sich für Stöckle nebst der Marienglocke auch das lange Kirchenschiff aus. Einzelne rot gefärbte Steine der unverputzten Steinmauern erinnern an einen Brand um das Jahr 1100. Das grosse Taufbecken von 1522 oder die Kanzel sind typisch für eine reformierte Kirche, in welcher Katholiken früher nicht willkommen waren. «Das ist heute anders, die Propstei ist offen für alle», sagt Stöckle. Ein weiteres Prunkstück sei die 1989 erbaute Metzler-Orgel, die zuvor im Salzburger Dom erklang. Und auch der Kreuzgang im Innenhof oder der heutige Kirchgemeindesaal haben eine lange Geschichte. «Früher amteten hier die Schaffhauser Richter», sagt Stöckle bei einem Rundgang. Ein Wappen des Schaffhauser Bocks mit der Aufschrift 1602 beweist es. Nebenan kreuzt Moderne Historie. Denn die Kirchgemeinde vermietet dort seit einigen Jahren drei Wohnungen. «Die sind sehr beliebt», meint Stöckle.

Mutprobe im Klappsarg aus mittelalterlichen Zeiten

Die Propstei ist für Stöckle ein spiritueller Ort, wo die Kirchgemeinde auch eigene Anlässe durchführt, «damit die Menschen nicht alleine sein müssen». So organisiert er etwa mit seiner Frau, ebenfalls Theologin, Führungen oder die AnsprechBar, die immer am 28. des Monats im Innenhof des Klostergebäudes stattfindet. Im Kreuzgang steht gut erhalten ein Klappsarg, der im Mittelalter für an der Pest erkrankten Menschen zur Verfügung stand. Denn um 1600 raffte die Pest in Wagenhausen in kürzester Zeit über 70 Personen dahin. Der Pestsarg ist einer von nur noch zweien schweizweit. «Früher machten sich Konfirmanden einen Scherz und bewiesen Mut, wenn sie sich für einen Moment in den Sarg legten», sagt Arno Stöckle schmunzelnd.