WAGENHAUSEN: Herr der Zahlen sagt Adieu

Nach 37 Jahren im Dienst der Gemeinde übergab Alfred Stäheli kurz vor Ostern die Leitung des Steueramtes. Ein Rückblick über reiche Steuerzahler, die Entwicklung des Steuerfusses und eine Morddrohung.

Margrith Pfister-Kübler
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Alfred Stäheli verabschiedet sich nach 37 Jahren von seinem Arbeitsplatz. (Bild: Margrith Pfister-Kübler)

Alfred Stäheli verabschiedet sich nach 37 Jahren von seinem Arbeitsplatz. (Bild: Margrith Pfister-Kübler)

Margrith Pfister-Kübler

unterseerhein

@thurgauerzeitung.ch

«Der Computer ist halt schon ausgeschaltet», sagt Alfred Stäheli entschuldigend und weist auf Abschiedsgeschenke hin, die auf dem Pult liegen. Das war am Gründonnerstag nach einem Abschiedsessen in der Chämihütte Kaltenbach auf Einladung von Gemeindepräsident Harry Müller. Es ist ein Abschied nach 37 Jahren. Stäheli, der wohl dienstälteste thurgauische Steuerbeamte, lächelt und schaut mit Blicken, die zu erfassen scheinen, worüber niemand spricht. Verschwiegenheit ist eine Grundtugend von Alfred Stäheli, eigentlich von jedem Steuerbeamten.

Fast 40 Jahre bei der Politischen Gemeinde Wagenhausen, früher Munizipalgemeinde. Was hat sich da alles verändert? Alfred Stäheli hat viel zu sagen, hält sich aber an Eckdaten: Arbeitsplatz, Schreib- und Rechnungsmaschine wurden durch die EDV ersetzt. «Nach den beengten Platzverhältnissen in der Propstei Wagenhausen konnten wir 1996 grosszügige, moderne Büros in Kaltenbach beziehen», sagt er. Bis Ende Mai 1995 seien sie Munizipalgemeinde Wagenhauen gewesen, ab Juni 1995 die Politische Gemeinde Wagenhausen. Ja, und früher war jedes zweite Jahr die Vergangenheitsbemessung fällig, heute ist das jährliche Ausfüllen, also die Gegenwartsbemessung die Regel.

Alfred Stäheli spricht von vielen Steuergesetzrevisionen, nennt keine Zahlen und ergänzt: «Viele Steuerabzüge wurden kantonal laufend angepasst.» Dass der Steuerfuss von 317 Prozent auf 265 Prozent gesenkt werden konnte, erfüllt ihn mit Stolz. Er sagt: «Während dieser Zeit durfte ich mit folgenden Gemeindepräsidenten zusammenarbeiten: Hermann Isler, Otto Vetterli, Franz Winzeler, René Gisler und Harry Müller.»

Verdoppelte Anzahl an Steuerzahlern

Und was hat sich am meisten geändert in diesen 37 Jahren? «Die Anzahl der Steuerpflichtigen hat sich beinahe verdoppelt.» Und die Nähe zum Kanton Schaffhausen, zur deutschen Nachbarschaft braucht zusätzliche Kenntnisse über interkantonale und internationale Ausscheidungen. Alfred Stäheli weiss um den Umgang mit sehr reichen Leuten bis zu den Ausgesteuerten. Seine Devise: «Alle gleich behandeln.» Der Beruf Steuerbeamter steht bekanntlich nicht auf der Hitliste an Beliebtheit. Am meisten nervte ihn, wenn die Leute ihn für ihren persönlichen Steuerfrust angegriffen haben. Solche Drohungen dürfe man aber nicht auf die leichte Schulter nehmen, sagt Stäheli und ergänzt mit ausgesöhnter Stimmlage: «Ja, einmal erhielt ich sogar eine Morddrohung. Damals hatten wir das Büro noch in der Propstei.» Damals wurde die Polizei eingeschaltet. Darauf angesprochen, ob solche Drohungen den Schlaf rauben, schweigt Alfred Stäheli einen Moment. «Schon etwas unheimlich», sagt er schliesslich leise. Die Verhaltensinstruktionen der Polizei halfen jedenfalls.

Jemand wollte Steuern mit Fünfräpplern begleichen

Und schon obsiegt wieder sein Optimismus. Als eine Konstante in seinem Berufsleben nennt Stäheli: «Vertrauen zu den Menschen zu haben, sich an Fakten zu halten und Personen bei Steuerproblemen zu helfen.» Auch nach der Pensionierung. Als Hobbys nennt er Schiessen über eine Distanz von 300 Metern, Wandern, Velofahren. Auch Reisen stehe auf dem Plan.

Und dann lacht Stäheli in Erinnerung an einen Steuerzahler, der mit einem Sack voller Fünfräppler an den Schalter kam, um seine Steuern zu bezahlen. «Das war noch in Rickenbach. Ich habe dem Sack einen Stoss gegeben und dann sind alle Münzen zu Boden gefallen.» Darf so bezahlt werden? «Schon, aber die Fünfräppler müssten gerollt sein», sagt Stäheli. Schon seit der Primarschule weiss er, dass Zahlen sein Ding sind.