WAGENHAUSEN: Der Schwanenflüsterer

Er füttert sie nicht nur, sondern streichelt sie und spricht mit ihnen. Jörg Leuenberger pflegt eine spezielle Beziehung zu den Schwänen am Rhein. Die Wildtiere gefallen aber nicht allen.

Samuel Koch
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Scheu vor den Schwänen am Rhein kennt Jörg Leuenberger keine. (Bild: Andrea Stalder)

Scheu vor den Schwänen am Rhein kennt Jörg Leuenberger keine. (Bild: Andrea Stalder)

Samuel Koch

samuel.koch@thurgauerzeitung.ch

Wer es nicht mit eigenen Augen sieht, glaubt es nicht. So geht es vielen, die Jörg Leuenberger in der Nähe des Rheins sehen. Wenn der 74-jährige Pensionär aus Wagenhausen mit gräulichem Haar und braun gebrannter Haut ans Ufer kommt, warten die Schwäne meistens schon auf ihn. Seine Augen glänzen und sein Gesichtsausdruck verändert sich, als verjünge er sich um Jahrzehnte. Dabei möchte er den Tieren nur «flattieren», wie er selber sagt. Er streichelt die Schwäne, krault sie und spricht mit ihnen. «Wissen Sie, Tiere sind meine Leidenschaft», sagt der ehemalige Auslandmonteur. Er habe eine gute Beziehung zu Tieren, nicht nur zu Schwänen. Denn während des Gesprächs nähern sich auch Belchen, Leuenberger dankt ­ihnen mit einem Stückchen Brot. Währenddessen zücken Badegäste im Wagenhauser Camping ihre Kameras, um diesen Moment festzuhalten.

Schon viele Linsen knipsten und filmten Jörg Leuenberger bei seiner Leidenschaft. Leuenberger, den wohl berühmtesten Schwanenflüsterer der Schweiz. Nach wenigen Minuten ist der Zauber vorbei, schwärmen kann Leuenberger aber weiter. «Der wohl beste Moment war bei der Insel Werd», erzählt er. Während er einem Schwanenpaar flattierte, knipste ein Fotograf dahinter zwei Wildtiere, deren Hälse ein Herz bildeten. «Das ist unvergesslich», meint Leuenberger schwärmend. Oder als eine Schwanenmutter mit ihren sechs Frischlingen sein Badetuch in der Steiner Badi hütete, als Leuenberger mit seiner Partnerin schwimmen ging. «Dann haben sie ihre komplette Handtasche ausgeräumt», sagt Leuenberger mit viel Schalk in den Augen. Angst verspüre er nie, «aber ­Respekt braucht man vor den Schwänen». Hie und da zwickt ihn vor allem das Männchen in den Arm. Verletzungen hätte er noch nie davongetragen, aufgrund des Blutverdünners, den er nimmt, bilden sich blaue Flecken, «die sind aber nicht der rede wert».

Verbundenheit trotz anderer Hobbys

Entstanden ist die spezielle Beziehung vor über 50 Jahren. «Ich war oft fischen und schon damals haben mir die Tiere viel zurückgegeben», sagt der Vater von zwei Söhnen. Nebst den Tieren hat er auch andere Hobbys wie den Pistolenklub. Er sei in seinem Leben jedoch von vielen Menschen enttäuscht worden. «Darüber möchte ich aber nicht sprechen», sagt Leuenberger immer wieder und zieht an seiner Zigarette.

Die Passion mit den Schwänen teilen nicht alle wie Jörg Leuenberger. «Es kommt immer wieder vor, dass Nester zerstört oder Schwanen-Eier gestohlen werden», klagt er. Klar, gerade am See habe er Verständnis für die Schwanen-Plage. «Dort gibt es aber auch deutlich mehr», sagt er. Eier zu stehlen, sei strafbar. Gleichzeitig rät er, Schwäne nicht vom Land, sondern direkt im Wasser zu füttern. «Sonst liegt nachher überall Kot herum», sagt Leuenberger. Zudem könne es für die Menschen gefährlich werden. Dass aber Letztere den Schwänen selbst etwas antun, ­begreift Leuenberger nicht. «Ein Weibchen unweit von hier hat ein wundes Bein», und er könne sich gut vorstellen, wessen Verschulden das sei. Er und seine Partnerin hätten den Schaffhauser Tierrettungsdienst informiert und dann dem Schwanenpaar geholfen, das Nest wieder aufzubauen. Körperliche Schäden jedoch seien nicht wieder gutzumachen. «Das ist eine Sauerei und sollte bestraft werden», meint Leuenberger.

Den Schwänen pfeifen muss er selten, denn sie warten meist schon auf ihn. Und wenn sie mal nicht kämen, sei es auch nicht so schlimm. Ebenso wenig stört ihn, dass das Männchen faucht. «Tschüss, so jetzt ist genug», sagt Leuenberger. Ein baldiges Wiedersehen steht ausser Frage.