WÄNGI: Kühe statt Küche

Diese Lehre ist nichts für Langschläfer. Carolin Kappeler steht jeden Tag um 6.30 Uhr im Stall. Die 17-Jährige aus Oberwangen gehört zu den wenigen jungen Frauen, die eine Ausbildung zur Landwirtin EFZ absolvieren.

Marcel Jud
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Neun der insgesamt 200 Schweine auf dem Hof der Familie Sprenger, wo Kappeler ihre Lehre absolviert.

Neun der insgesamt 200 Schweine auf dem Hof der Familie Sprenger, wo Kappeler ihre Lehre absolviert.

Marcel Jud

marcel.jud@thurgauerzeitung.ch

Der Gestank ist kaum auszuhalten. Er beisst sich in der Nase fest und nimmt einem die Luft zum Atmen. «Ach, man gewöhnt sich dran», sagt Carolin Kappeler lachend, während sie den Schweinestall ausmistet. Die 17-Jährige absolviert das zweite Lehrjahr ihrer Ausbildung zur Landwirtin EFZ. Seit dem Sommer arbeitet sie auf dem Betrieb der Familie Sprenger in Wängi.

Nach dem Ausmisten des Schweinestalls widmet sich Carolin Kappeler den Kälbern, deren Mütter auf der Weide grasen. Während sie einem Kalb die Milchflasche gibt, beschnuppern sie die anderen und springen um sie herum. Die Arbeit mit den Tieren gefalle ihr am besten, sagt Kappeler. Den Umgang mit Kühen und Kälbern lernte sie bereits als Kind. Kappelers Eltern führen einen Milchwirtschaftsbetrieb in Oberwangen. Für sie sei früh klar gewesen, dass sie den elterlichen Hof dereinst übernehmen wolle, sagt Carolin Kappeler. Sie gehört einer Minderheit an: In ihrer Berufsschulklasse sind von 69 Lernenden nur fünf Frauen. «Es ist halt immer noch so, dass Landwirt als Männerberuf gilt», meint Kappeler. Die körperliche Arbeit schrecke wohl viele Frauen ab. Dank verschiedener Maschinen sei der Bauernberuf aber nicht mehr so anstrengend wie früher, sagt Kappeler und füllt die Rüstmaschine mit frischem Heu für die Kälber.

Arbeit und Wohnen unter einem Dach

Aber auch Carolin Kappeler war sich anfangs nicht sicher, ob sie wirklich Landwirtin lernen wolle. «Ich habe eine Schnupperlehre im Detailhandel gemacht.» Sie hätte sich gut vorstellen können, bei der Landi zu arbeiten, wegen des Kundenkontakts und der angenehmen Arbeitszeiten. Auf dem Hof der Familie Sprenger steht Kappeler unter der Woche bereits um 6.30 Uhr im Stall und arbeitet bis 18.30 Uhr. Wenn sie jedes zweite Wochenende den Chef vertreten müsse, fange sie sogar um 5.30 Uhr an, die Kühe zu melken. «Das ist aber kein Problem», sagt Carolin Kappeler. Strahlend versichert sie, dass ihr das frühe Aufstehen nichts ausmache und ihr die abwechslungsreiche Arbeit auf dem Hof der Familie Sprenger gefalle. Auf ihrem jetzigen Lehrbetrieb fühle sie sich genauso wohl wie auf jenem, wo sie ihr erstes Lehrjahr absolviert hat. Angehende Landwirtinnen und Landwirte verbringen jedes ihrer drei Ausbildungsjahre auf einem anderen Bauernhof. «Dabei ist es enorm wichtig, dass man sich mit der Familie gut versteht», sagt Kappeler. Wie ihre Mitschüler arbeitet sie nämlich nicht nur auf dem Hof mit, sondern wohnt die Woche über auch bei der Bauernfamilie.

«Kochen ist überhaupt nicht meins»

Geschickt reinigt Carolin Kappeler die Melkmaschine. Es sei entscheidend, dass man die Milchschläuche bei den Kühen richtig ansetze. «Es darf keine Luft reinkommen, sonst pumpt man Bakterien in die Euter der Kühe.» Kappeler war wichtig, dass sie während der Lehre auf Betrieben arbeiten kann, wo die Milchwirtschaft im Vordergrund steht, wie zu Hause bei ihren Eltern. «Inzwischen kann ich mir aber auch vorstellen, bei einem Betrieb mit Ackerbau reinzuschauen», sagt Carolin Kappeler. Zu Beginn ihrer Lehre habe ihr die Arbeit auf dem Traktor und mit anderen Maschinen nicht so gefallen. Dies sei inzwischen anders. Was ihr aber noch immer nicht zusage, sei die Hausarbeit. «Kochen ist überhaupt nicht meins», sagt die junge Frau. Ihr sonst stets fröhliches Gesicht verzieht sie dabei zu einer kleinen Grimasse. Sie hätte sich auch nie vorstellen können, anstelle der Lehre zur Landwirtin später die einjährige Bäuerinnenschule zu besuchen, wie dies viele andere Frauen täten.

«Ich fahre viel lieber mit dem Traktor raus, als in der Küche zu stehen oder das Haus zu putzen», sagt Carolin Kappeler und marschiert Richtung Fahrzeugscheune, um alles vorzubereiten, damit sie später am Nachmittag die Gülle über die Weiden verteilen kann.