Vorurteile und Ängste abbauen

Sie kommen aus Mazedonien, Serbien, Finnland, der Elfenbeinküste und der Schweiz. Im neugegründeten Verein Fair Wil will eine interkulturelle Gruppe gegen Diskriminierung und für ein vorurteilsfreies Zusammenleben kämpfen.

Jeanette Herzog
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Lucienne Suter und Arber Bullakaj suchen vor dem Zentrum der islamischen Gemeinschaft den interkulturellen Dialog. (Bild: Urs Jaudas)

Lucienne Suter und Arber Bullakaj suchen vor dem Zentrum der islamischen Gemeinschaft den interkulturellen Dialog. (Bild: Urs Jaudas)

WIL. «Rassismus ist erschreckend salonfähig geworden», sagt Lucienne Suter. Gemeinsam mit Arber Bullakaj präsidiert sie den neu gegründeten Verein Fair Wil. «Wir wollen Anlaufstelle für Schweizer und Migranten sein», sagt sie. Auf beiden Seiten gebe es offene Fragen. Das gegenseitige Kennenlernen baue Vorurteile und «diffuse Ängste» ab und ermögliche es, voneinander zu profitieren.

Wil hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Brennpunkt des interkulturellen Zusammenlebens entwickelt. Der Wiler SVP-Nationalrat Lukas Reimann war Vater der Anti-Minarett-Initiative, die 2009 angenommen wurde. Und gegen den aktuell geplanten Neubau des islamischen Begegnungszentrums gingen bei der Stadt über 300 Einsprachen ein. Noch ist die Baubewilligungskommission laut Stadtkanzlei mit der Eingabe beschäftigt.

Von anderen lernen

«In Wil leben Ausländer und Schweizer aneinander vorbei», sagt Arber Bullakaj. Die einen leben mehrheitlich im Südquartier, die anderen auf dem Hofberg. «Wil wächst, es ist wichtig, dass die Quartiere sich öffnen.» In der sozialen und ethnischen Durchmischung sieht der Verein Fair Wil eine Chance. «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich von den Leuten, die anders waren als ich, am meisten lernen konnte», sagt Bullakaj. Er selber sei oftmals Anlaufstelle für Landsleute aus Kosovo. Auch an Lucienne Suter gelangen regelmässig Migranten mit ihren ganz persönlichen Anliegen. Die Steuererklärung, Rechnungen oder Bewerbungen bereiten den Leuten Mühe. Zudem werfe das Schulsystem Fragen auf. Als Bullakaj selber damals zunächst in die Realklasse versetzt wurde, habe er nicht gewusst, was für Perspektiven er noch habe. Heute führt er als selbständiger Unternehmer eine Consulting Firma. «Einmal im Monat könnten wir ein offenes Büro anbieten», schlägt Suter vor. Kommende Woche sitzt der Vereinsvorstand erstmals zusammen, um Pläne zu schmieden. Ideen gibt es viele: interkulturelle Anlässe veranstalten, eine Börse ins Leben rufen für Personen, die sich gegenseitig ihre Sprache beibringen wollen, oder Schulklassen verschiedener Schulhäuser für gemeinsame Projekte zusammenführen.

Einen Gegenpol schaffen

«Der Islam ist in Verruf geraten», sagt Lucienne Suter. Eine ganze Religionsgemeinschaft habe unter extremistischen Gruppen zu leiden. Sie selber habe die moslemische Gemeinschaft in Wil als sehr offen erlebt. Die über 300 Einsprachen gegen den geplanten Neubau des islamischen Begegnungszentrums zeugten von pauschaler Ablehnung, von Sturheit und von Ignoranz. «Migranten sind Teil der Wiler Bevölkerung.» Dennoch würden gerade den Moslems immer wieder Steine in den Weg gelegt, die ihnen die Integration erschwerten.

Hierzu möchte der Verein Fair Wil einen Gegenpol schaffen. Zum gemeinsamen Zusammenleben gehöre Toleranz – und eine gute Portion Gelassenheit, finden die beiden SP-Kandidaten für das Stadtparlament. Es wäre daher klug, auf Anfeindungen wie das antiislamische Video aus den USA erst gar nicht zu reagieren. «Dummköpfe produzierten diesen Film, noch Dümmere reagieren nun mit Gewalt darauf und finden in den Medien Widerhall», sagt Suter. Gerade erst hat die Studentin der Islamwissenschaften und der Geschichte drei Monate in Kairo verbracht, um Arabisch zu lernen. Die allermeisten Leute hätten die Hassspirale durchschaut. Sie selber habe sich zunächst überlegt, nach Bern zu fahren, um mit den Teilnehmern der auf heute angesagten Demonstration zu sprechen. Davon hat sie nun aber abgesehen. «Muss man denn wirklich Öl ins Feuer giessen?»