VORRÄTE: Der Thurgau bunkert für die Katastrophe

Für den Fall eines Unglücks oder Krieges lagert die Schweiz grosse Mengen an Gütern. Industriebetriebe sind verpflichtet, Kontingente für den Notfall anzulegen, auch im Thurgau. Hier gibt es vor allem Lebensmittel und Kraftstoff.

Martin Rechsteiner
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Das Tanklager in Tägerschen. Für den Ernstfall horten die Betreiber Millionen Liter Brennstoff. (Bild: Andrea Stalder)

Das Tanklager in Tägerschen. Für den Ernstfall horten die Betreiber Millionen Liter Brennstoff. (Bild: Andrea Stalder)

Martin Rechsteiner

martin.rechsteiner@ thurgauerzeitung.ch

Zucker, Benzin, Medikamente. Das sind Güter, die in der Schweiz im Falle einer Krise schnell knapp werden. Deshalb gibt es im ganzen Land sogenannte Pflichtlager an Lebensmitteln, Heilmitteln und Erdölprodukten. Diese existieren in Zusammenarbeit mit der Industrie. Importeure und Hersteller im ganzen Land haben Verträge mit dem Bund. Auch im Thurgau.

Lager gehören den Firmen

Wer wo wie viel von was lagert, wird nicht bekanntgegeben. «Wir halten die Liste der lagerpflich­tigen Unternehmen unter Verschluss», sagt Stefan Menzi vom zuständigen Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL). Nicht aus Sicherheitsbedenken, wie er betont. «Aber die Angaben zu den gelagerten Gütern erlauben Rückschlüsse auf heikle Geschäftsdaten der Unternehmen.»

Einige Betriebe im Kanton Thurgau darf er dann aber doch nennen. Einer davon ist die Tanner Oel in Frauenfeld. Sie handelt unter anderem mit Heizöl, Benzin und Diesel. In Gachnang, an der Bahnlinie, hat die Firma ein Tanklager. «Unternehmen, die mehr als 3 Millionen Liter Brennstoff pro Jahr importieren, müssen einen Teil davon für Ernstfälle lagern», sagt Verwaltungsratsmitglied Heinz Kübler. Das sei eine Vorschrift des Bundes. «Etwa ein Drittel unseres Importes müssen wir immer an Lager halten, vierteljährlich kommen Kontrolleure.» Rund 15 Millionen Liter Benzin, Diesel, Heizöl und Flugpetrol hat die Frauenfelder Firma deshalb ständig in ihren Tanks. Der Vorrat wird hie und da auch gebraucht. «Im vergangenen Herbst gab es Probleme mit den Raffinerien, zudem hatten wir eine Störung der Versorgung über den Rhein.» In der Schweiz sei es für Tankstellen knapp ­geworden. «Dann kam die Anweisung vom Bund, die Vorräte anzuzapfen», sagt Kübler. «Die Leute kriegen davon aber meist nichts mit.» Grössere Tanklager gibt es übrigens auch in Altishausen oder Tägerschen. Letzteres speichert sogar rund 170 Millionen Liter für den Notfall. Einen entsprechenden Auftrag vom Bund hat auch die Schweizer Zucker AG. «Verteilt auf unsere Standorte Frauenfeld und Aarberg sowie in verschiedenen Lagerhäusern halten wir um die 18000 Tonnen Zucker für den Ernstfall bereit», sagt CEO Guido Stäger. «Der Bund verpflichtet alle grösseren Hersteller, Händler und Verbraucher von Zucker, Vorräte für drei Monate anzu­legen.» Eine Verbraucherin ist zum Beispiel die Bischofszell Nahrungsmittel AG (Bina). Bei der Pflichtlagerung von Zucker ar­beitet sie mit der Zuckerfabrik Frauenfeld zusammen. «Unsere Vorräte sind in den vergangenen Jahrzehnten aber nie benötigt worden», sagt Bina-Sprecherin Corinne Harder. Auch die Firma Meyerhans Mühlen in Weinfelden musste ihre Pflichtvorräte schon lange nicht mehr anzapfen. «Das Lager an Weizen, das wir für den Ernstfall haben müssen, wurde seit den 70er-Jahren nicht mehr ­gebraucht», sagt Geschäftsleitungsmitglied Daniel von Felten. Selbstverständlich verwende die Firma das Korn laufend und ersetze es durch frisches. «So haben wir immer etwa 8000 Tonnen Weizen am Standort Weinfelden.»

Vorräte nehmen ab

Getreide war es auch, das zuerst en masse gelagert wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg wollte sich die Schweiz gegen Hungersnöte durch grosse Kriege wappnen. Laufend kamen neue Güter auf die Pflichtlagerliste. Seit Ende der 1980er-Jahre stehen für das System Naturkatastrophen, Epidemien oder wirtschaftliche Probleme im Vordergrund. Seit Mitte der 90er-Jahre nehmen die Mengen an eingelagerten Gütern und damit die Kosten kontinuierlich ab. 43 Franken kostete in der Schweiz 1995 die Pflichtlagerhaltung pro Kopf, 2014 waren es noch 13 Franken.

Inzwischen werden Vorräte ungefähr für einen Bedarf von zwei bis vier Monaten gelagert. Die Kosten der Vorratshaltung werden über eine Umlage auf die Preise der Güter aufgeschlagen. Zudem profitieren die betroffenen Unternehmen von steuer­lichen Vergünstigungen auf die gelagerten Güter.