Vormundschaft: Der Kanton übernimmt

FRAUENFELD. Am Donnerstag hat die Stadt Frauenfeld die Vormundschaftsbehörde und das vierköpfige Vormundschaftssekretariat im Rathaus feierlich verabschiedet. Im neuen Jahr geht die Verantwortung an eine kantonale Behörde über.

Beat W. Hollenstein
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Dicke Dossiers wechseln die Hand: Frau Vizeammann Christa Thorner (Mitte), eingerahmt von Barbara Trütsch vom städtischen Vormundschaftssekretariat und der neuen KESB-Präsidentin Barbara Merz. (Bild: pd)

Dicke Dossiers wechseln die Hand: Frau Vizeammann Christa Thorner (Mitte), eingerahmt von Barbara Trütsch vom städtischen Vormundschaftssekretariat und der neuen KESB-Präsidentin Barbara Merz. (Bild: pd)

FRAUENFELD. Ende Jahr räumen die Vormundschaftsbehörde und das Vormundschaftssekretariat der Stadt Frauenfeld ihre Schreibtische. Nach 20jähriger Tätigkeit ist Schluss. Grund ist der Wechsel vom fast hundert Jahre geltenden Vormundschaftsrecht zum Kindes- und Erwachsenenschutzgesetz.

Mit dem neuen Gesetz geht die Entscheidungsbefugnis im Vormundschaftswesen von der Stadt an die kantonalen Behörden über. Übernehmen wird das Team der KESB, der neuen kantonalen Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde.

Die Latte sehr hoch gelegt

Symbolisch übergab am Donnerstagabend im Rathaus das alte Team unter der Leitung von Barbara Trütsch dicke Ordner mit den Dossiers der Frauenfelder Fälle an ihre Nachfolger. Die KESB-Präsidentin Barbara Merz gab zu, dass sie kein leichtes Erbe antrete: «Die Frauenfelder Behörde und das Sekretariat haben qualitativ hervorragende Arbeit geleistet und die Latte sehr hoch gelegt.»

In ihrem Verantwortungsbereich, dem Bezirk Frauenfeld, rechnet Merz mit jährlich rund 1700 Fällen. In der endgültigen Besetzung werden sich sieben Behördenmitglieder mit 440-Stellen-Prozenten um diese kümmern.

«Grosser Einsatz im Stillen»

Stadtammann Carlo Parolari dankte allen Beteiligten «für den grossen Einsatz», den sie im Stillen für das Gemeinwohl geleistet hätten. Mit einem Augenzwinkern wies er auch darauf hin, dass der städtische Verwaltungsapparat während seiner Amtszeit wider anders lautender Meinungen nicht immer nur gewachsen sei. So habe er bereits in früheren Jahren die Stadtpolizei, den Sektionschef, Vermessungs- und Zivilstandsamt verabschiedet.

Frau Vizeammann Christa Thorner liess die letzten 20 Jahre Revue passieren. 1992 hatte die Stadt vom damaligen Kreis Frauenfeld die Verantwortung für das Vormundschaftswesen übernommen. In den ersten Jahren hätten insbesondere Drogenabhängige viel Arbeit mit sich gebracht, da Zürich und weitere grosse Städte beschlossen hatten, die offenen Drogenszenen aufzulösen und die Abhängigen in ihre Wohngemeinde zurückzuschaffen.

Laut Thorner widerspiegeln die Geschäftsberichte der Vormundschaftsbehörde in diesen zwei Jahrzehnten den gesellschaftlichen Wandel. Auffällig sei unter anderem der Anstieg der Erziehungsbeistandschaften und die Aufsicht über Kindsvermögen aufgrund vermehrter Scheidungen. Waren die Regelungen für Kinder, die ausserehelich geboren wurden, in den 90er-Jahren erst vereinzelt aufgeführt, so ist die Zahl bis heute auf rund 90 pro Jahr angewachsen.

1350 Anträge im letzten Jahr

Das Vormundschaftssekretariat sah sich in den letzten Jahren stark wachsenden Aufgaben ausgesetzt. Allein im letzten Jahr hatten die vier Mitarbeiterinnen mit insgesamt 280-Stellen-Prozenten 1350 Anträge zu bewältigen.

Christa Thorner blickte auch auf die eigene Familiengeschichte zurück: 1834 war's, als ihr Vorfahre Johann Baptist als Findelkind vor dem Tor des Klosters Münsterlingen aufgefunden wurde. «Der Name Thorner lässt sich vom Fundort ableiten – vor dem Tor, damals noch mit 'h' geschrieben.»

Aus Fehlleistungen gelernt

Einen historischen Blick auf die Bedeutung des Vormundschaftswesens bot schliesslich der thurgauische Staatsarchivar André Salathé (TZ von gestern). Mit dem grundlegend erneuerten Recht seien aus Fehlern der Vergangenheit die Konsequenzen gezogen worden, ohne das Bewährte fallen zu lassen. Froh zeigte sich Salathé darüber, dass das Wort «Vormundschaft», mit dem ja auch krasse Fehlleistungen wie die Zwangsverwahrungen und Zwangssterilisationen verbunden würden, verschwinde und der Schutzgedanke betont werde.

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