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Der erste Flugtag von Frauenfeld FRAUENFELD. Der gestrige erste Flugtag in Frauenfeld ist sehr gut verlaufen. Es werden zehntausend Personen gewesen sein, die herbeigeeilt sind, um einmal mit eigenen Augen zu schauen, wie weit es der Mensch in der Kunst des Fliegens schon gebracht hat.

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Der erste Flugtag von Frauenfeld

FRAUENFELD. Der gestrige erste Flugtag in Frauenfeld ist sehr gut verlaufen. Es werden zehntausend Personen gewesen sein, die herbeigeeilt sind, um einmal mit eigenen Augen zu schauen, wie weit es der Mensch in der Kunst des Fliegens schon gebracht hat. Und es sind dabei alle auf ihre Rechnung gekommen, und die Enttäuschungen, die man schon auf andern Flugplätzen hat erleben müssen, sind dem Publikum auf der Allmend in Frauenfeld erspart geblieben.

Der Flieger René Grandjean hat den Ruf, der ihm vorausgegangen ist, glänzend gerechtfertigt: Das haben wohl auch diejenigen gefühlt, die ihn noch nie haben fliegen sehen – noch mehr aber haben das diejenigen empfunden, die schon öfters Aviatiker bei der Arbeit gesehen haben.

Bei tadellosem Wetter ist René Grandjean nachmittags 3 Uhr zum ersten Flug aufgestiegen auf einer natürlichen Piste, zu deren Herrichtung auch nicht eine Hand hatte gerührt werden müssen. So vorzüglich eignet sich die Allmend für solche Veranstaltungen. Dem ersten Flug folgten in rascher Folge fünf andere.

René Grandjean hat dabei in geradezu glänzender Weise sein hervorragendes Können gezeigt und das Publikum zu heller Begeisterung hingerissen. Man musste meinen, dass Grandjean seine Maschine vollständig in seiner Gewalt hat, so willig und so schmiegsam folgte der Apparat der sicheren Führung des Fliegers.

Geradezu verblüffend waren die Leistungen Grandjeans in den Wendungen und Gleitflügen. Was der Flieger gestern beim Nehmen der Kurven geleistet hat, das dürfte noch selten auf einem Flugplatz gesehen worden sein; speziell beim letzten Flug hat Grandjean ein Kunststück fertiggebracht, das hart an jene Grenzen gehörte, wo Tollkühnheiten beginnen. Es ist das auch von Fachleuten erklärt worden, die in der Lage waren, die Leistung technisch richtig einzuschätzen.

Auch die Gleitflüge sind glänzend ausgefallen – sie liessen an Kühnheit nichts zu wünschen übrig. Das Herabgleiten bis nahe auf die Köpfe des Publikums herab und dann das Wiedereinstellen des Motors zur horizontalen Weiterfahrt über die Köpfe hinweg, das war ein flugtechnisches Bravourstück, das manchem ängstlichen Menschenkind einen Schauer hinaufgejagt hat.

Grandjean hat bei verschiedenen Flügen grössere Höhen, von 300 bis 400 Metern gewonnen. Auch der Rundflug um die Stadt für den «Preis von Frauenfeld», den der Verkehrsverein ausgelegt hatte, ist tadellos gelungen. Nach den Beobachtungen auf dem Kantonsschulturm hat Grandjean den Flug um die Stadt vollständig ausgeführt. Er flog über das Kurzdorf bis zur Tabakfabrik und zum Heerenberg, dann östlich um die neue Kantonsschule herum auf den Flugplatz zurück. Der Anblick vom Turme sei wunderbar schön gewesen.

Die ganze Veranstaltung ist ohne Störung verlaufen. Einmal hat der Motor etwas gespuckt, doch ist die Geschichte mit grosser Promptheit wieder ins Blei gebracht worden. Von den sechs Flügen war einer ein Passagierflug; der tapfere Passagier kam wohlauf zurück.

Das Publikum spendete dem kühnen Flieger begeisterten Beifall, und jede Ankunft wurde mit lautem Jubel begrüsst. Der Jubel pflanzte sich fort über die Grenzen des ersten und des zweiten Platzes hinaus auf Äcker von Langdorf und die Hänge von Oberkirch, wo schlaue Menschen in grossen Scharen standen.

Wir dürfen es nicht unterlassen, diesen schlauen Menschen zu sagen, dass der Flieger nicht zu seinem Vergnügen fliegt, dass er grosse Ausgaben hat, dass er sein Leben riskiert und dass auch ein Flieger von der Luft allein nicht leben kann. Schlau war es nicht, den Bauern die grünen Wiesen zu zerstampfen und sich damit das Fränklein Eintritt zu sparen. Und schön war es auch nicht.