Von Fischen und Wasserratten

Das Weiher-Beizli in Pfyn hat eine neue Pächterin. Karin Keller wird zusammen mit ihrer Familie für das leibliche Wohl der Badi-Gäste sorgen. Ihr Mann, Heribert Keller, betreibt die örtliche Fischzucht.

Beat W. Hollenstein
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Die Pächterfamilie und ihr «Frankrichli»: Karin und Heribert Keller mit den Kindern Heribert jun., Sara und Rahel. (Bild: Nana do Carmo)

Die Pächterfamilie und ihr «Frankrichli»: Karin und Heribert Keller mit den Kindern Heribert jun., Sara und Rahel. (Bild: Nana do Carmo)

Pfyn. Noch liegt der Pfyner Badi-Weiher, das «Frankrichli», verlassen da, Bäume und Naturhecke sind noch ohne Blätter. Nur hoch droben, im Geäst der stämmigen Bäume, zwitschern die Vögel und künden vom Frühling. Der niedrige Wasserstand widerspiegelt die anhaltende Trockenheit. Er ist abhängig vom Grundwasserstrom der Thur. Dieser sorgt auch dafür, dass die Wasserqualität laut Kantonalem Labor durchs Band «sehr gut» ist. Denn das Wasser im Weiher erneuert sich ständig.

Dass der 1. Mai und damit die Badesaison näher rückt, freut nebst zahlreichen kleinen und grossen Wasserratten insbesondere auch Karin Keller, die neue Pächterin des Weiher-Beizli. Unter vier Bewerbungen hat sie von der Gemeinde den Zuschlag erhalten. Sie übernimmt es von Sabrina Wanger, die nach drei Saisons aufhört, um sich weiterzubilden. Mit ihr verschwindet auch der Name «Froschkönig». «Für uns ist's einfach das Badi-Beizli», sagt Karin Keller.

Herr über 100 000 Fische

Mit ihrer fünfköpfigen Familie wohnt die 43-Jährige seit zwei Jahren bei der Fischzucht Pfyn. Ursprünglich war das Wohnhaus kaum grösser als ein Hühnerstall. Doch drei angebaute Wohncontainer verschaffen den Kellers die nötige Luft zum Atmen. Vom Küchentisch aus sieht Karin Keller durch grosse Südfenster in die Thurebene hinaus, wo die Bauern zurzeit ihre Äcker bestellen.

Heribert Keller betreibt die Fischzucht seit sieben Jahren. In den 13 Becken züchtet der 57jährige Schwyzer vor allem Regenbogenforellen, aber auch Bachforellen, Saiblinge, Karpfen und Welse. Er ist Herr über 100 000 Fische. Bei der Arbeit unterstützen ihn zwei Stifte, darunter sein Sohn aus erster Ehe, Heribert junior. Die Fische sind ihm nicht nur ein Broterwerb: «Ich habe schon als junger Bursche gefischt und später Zierfische gezüchtet.»

Klassische Patchworkfamilie

Die Kellers sind eine klassische Patchworkfamilie: Heribert Keller hat zwei Kinder mit in die Ehe gebracht, wobei das ältere längst auf eigenen Beinen steht; seine Frau hat ihrerseits die 15jährige Sara aus einer früheren Beziehung mitgebracht. Dazu kommt Nesthäkchen Rahel (10), das gemeinsame Kind. Aus diesem Puzzle eine Familie zu schmieden, sei kein Sonntagsspaziergang gewesen, sagt Karin Keller. «Es hat mich mehrmals an den Rand meiner Kräfte gebracht.» Das hat die gelernte Coiffeuse wohl gemeint, als sie – erfolglos – für den Gemeinderat kandidiert und am Wahlpodium in der «Krone» ihre Lebenserfahrung in die Waagschale geworfen hatte. Vor ihrem Umzug nach Pfyn lebte die Familie in Berlingen, wo Karin Keller während zehn Jahren ihr Coiffeur-Atelier als Ein-Frau-Betrieb führte.

Frischer Fisch auf den Tisch

In der Fischzucht erledigt Karin Keller alle administrativen Arbeiten, springt aber auch ein, um etwa den Ansturm der Kundschaft vor Ostern zu bewältigen. Und wie auf einem Bauernhof müssen gelegentlich auch die beiden Mädchen mithelfen. Manchmal tun sie's auch freiwillig, um ihr Sackgeld aufzubessern. Der Metzger esse gerne Süsses, sagt der Volksmund, und der Bäcker sei ein Fleischtiger. Kommt bei Kellers noch Fisch auf den Tisch? «Selbstverständlich», sagt Karin Keller, «und zwar in allen Variationen: geräuchert, grilliert, als Filet oder Chnusperli.»

Nur logisch, dass Fisch auch im 25plätzigen Weiher-Beizli auf der Karte stehen wird. Dazu will die Wirtin nebst Snacks und verschiedenen Salaten ein täglich wechselndes Menu kochen, etwa Hackbraten oder Ghackets mit Hörnli und Apfelmus. Dieses soll nicht mehr als zehn Franken kosten, den Kafi crème möchte sie für drei Franken anbieten. Mit diesen Preisen liegt Keller deutlich tiefer als ihre Vorgängerin. «Bei mir sollen auch Familien und Bauarbeiter essen können.»

Hat sie keinen Bammel davor, dass ihr die Leute an schönen Sommertagen die Bude einrennen? Da lacht sie bloss spitzbübisch: Sie kocht nicht nur gerne, sondern weiss auch viele hungrige Mäuler zu stopfen. «Jahrelang bin ich mit Schulklassen in die Skiferien gefahren und habe die Kinder bekocht.»

Plärrende Radios verboten

Laut Pachtvertrag betreiben Kellers das Beizli und kassieren das Eintrittsgeld ein. Letztes Jahr waren das immerhin 10 000 Franken, obwohl Einwohner der politischen Gemeinde Pfyn keinen Obolus entrichten müssen. Der Rest der Welt bezahlt 4 (Erwachsene) beziehungsweise 2 Franken (Kinder). Im Pflichtenheft aufgeführt ist auch das Putzen des Gebäudes inklusive Garderoben und Toiletten sowie das Fötzle und gewisse Aufsichtspflichten. Plärrende Radios sind verboten. Die Pacht kostet 750 Franken pro Jahr.

Mehr als ein Ferienbatzen

Der Entscheid, sich zumindest sommers ein zweites Standbein zu schaffen, fiel im Familienrat. Und zwar einstimmig. Etwas dagegen einzuwenden gehabt hätte vielleicht die sechsjährige Mischlingshündin Pipi, die zur Fischzucht schauen muss, wenn die Familie ihren Mittagstisch bei schönem Wetter ins Frankrichli verlegt. Sogar gejubelt hat die jüngste Tochter: Rahels Schulweg verkürzt sich auf Steinwurfdistanz.

Die Doppelbelastung zwischen Mai und September soll sich lohnen. «Wenns Wetter mitspielt, sollte schon mehr als ein Ferienbatzen rausschauen», sagt Karin Keller, die im übrigen davon ausgeht, dass «ich zwischen den Einsätzen am Herd auch mal die Sonnencrème benötigen werde».