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Von Engwang nach Hollywood

«Schellen-Ursli» kommt in die Kinos. In den 50er-Jahren hatte der Thurgauer Ernst A. Heiniger dieselbe Geschichte als Erster verfilmt. Der Filmemacher wurde mehrfach für seine Werke ausgezeichnet. Zweimal erhielt er einen Oscar. Spektakulär sind seine 360-Grad-Filme.
Inge Staub
Ernst A. Heiniger, Selbstporträt – Beekman Tower, New York, 1950. (Bild: Fotostiftung Schweiz)

Ernst A. Heiniger, Selbstporträt – Beekman Tower, New York, 1950. (Bild: Fotostiftung Schweiz)

Jedes Schweizer Kind kennt die Geschichte vom Schellen-Ursli. Ab 15. Oktober wird der Stoff des berühmten Kinderbuches die Kinoleinwand erobern. Regisseur Xavier Koller ist jedoch nicht der erste, der sich der Erzählung aus dem Engadin annimmt.

1953 wurde in Guarda bereits ein Schellen-Ursli-Film gedreht. Der Engadiner Kulturvermittler Charles Pult geht davon aus, dass der Thurgauer Ernst Albrecht Heiniger diesen Film gedreht hat, da der Oscar-Preisträger in den 50er-Jahren für Walt Disney gearbeitet hat. Bei Recherchen für eine Ausstellung in Chur erzählte man in Guarda vom ersten Ursli-Film. Pult fand heraus, dass dieser nur in den USA lief. Niemand konnte ihm sagen, ob der Film noch existiert. Nun versuchen Pult und C-Films, die Produktionsfirma des neuen Films, Heinigers Werk in den Archiven der Disney Company aufzutreiben.

Dass Heiniger den Film gedreht haben muss, belegen Aussagen der damaligen Hauptdarsteller Not (Ursli) und Tilli Schlegel (Urslis Schwester) aus Guarda. Tilli Schlegel erinnert sich, dass der Regisseur Ernst A. Heiniger geheissen hat. Heiniger habe sich für die Dreharbeiten während zweier Sommer in Guarda einquartiert. «Als der Film fertig war, hat er das ganze Dorf zu einem Fest eingeladen.»

Zum Film kamen Not und Tilli Schlegel über die Autorin des Bilderbuches Selina Chönz. «Wir waren ihre Nachbarn», sagt Tilli Schlegel. «Not ist mein Ursli, sagte Selina. Damit war klar, dass er die Hauptrolle spielt.» Tilli Schlegels Familie wurde als Ursis Familie auserkoren. «Meine Mutter kochte in der Küche, der Vater pflügte mit dem Ross auf dem Acker und der Heiniger hielt alles mit der Kamera fest.» Tilli Schlegel machte nicht gerne mit bei diesem Film. Der Heiniger habe sie des öftern aus der Schule holen lassen. «Das hat mir nicht gefallen. Ich hätte lieber am Unterricht teilgenommen.» Auch hätten sie alles drei- oder viermal spielen müssen, bis der Regisseur zufrieden gewesen sei. Not Schlegel gefiel es dagegen, in die Rolle des Ursli zu schlüpfen. Die beiden haben zehn Jahre später geheiratet. Den Film haben die Hauptdarsteller – heute 72 und 73 Jahre alt – nie gesehen.

An Weltausstellung in Paris

Obwohl er einer der ersten Schweizer war, die es geschafft haben, in Hollywood gefragt zu sein, gibt es über das Leben und Wirken von Ernst A. Heiniger nur wenige, kleine Veröffentlichungen. Der Thurgauer kam 1909 in Engwang/Wigoltingen zur Welt. Der Bauernsohn machte eine Lehre als Positiv-Retoucheur und besuchte die Kunstgewerbeschule Zürich. Ab 1929 war er als selbständiger Fotograf, Grafiker und Filmemacher tätig. 1937 arbeitete er am Schweizer Pavillon der Weltausstellung in Paris mit.

1948 erhielt Heiniger für seine Kameraarbeit beim Film «Sul Bernina» eine Auszeichnung an der Biennale Venedig. Auch die Stadt Zürich ehrte ihn mit einem Filmpreis im Jahr 1968, weil er für die Schweizerische Landesausstellung Expo 64 in Lausanne den Circarama-Film «Rund um Rad und Schiene» geschaffen hatte. Dieser 360-Grad-Film war eine der Hauptattraktionen der Expo 64. Neun Projektoren ermöglichten dem Publikum in einem eigenen Pavillon eine spektakuläre Rundumsicht. Mit dieser Arbeit entwickelte er eine Idee von Walt Disney weiter, den er 1952 kennenlernte und der bereits in den USA solche Panoramasysteme realisiert hatte.

Für Walt Disney drehte Heiniger «Ama Girls» und «Grand Canyon». Beide Filme wurden mit einem Oscar ausgezeichnet; «Ama Girls» 1957 als bester Dokumentarfilm und «Grand Canyon» als bester Kurzfilm 1958.

Für das Verkehrshaus in Luzern schuf der Thurgauer einen runden Kinosaal, der von einer Leinwand umfasst wird. Im Swissorama lief 20 Jahre lang ab 1984 nur ein Film: Heinigers 360-Grad-Werk «Impressionen der Schweiz». 1,8 Millionen Besucher sahen die 20minütige Dokumentation einer Bilderbuch-Schweiz. «Heinigers Film enthält einmalige Bilder», würdigte Verkehrshaus-Gründer Alfred Waldis die Leistung des Regisseurs in einem SRF-Beitrag von «10 vor 10».

1986 zog der Thurgauer Filmemacher mit seiner Frau nach Los Angeles. Dort arbeitete er an Verbesserungen seines Swissorama-Systems. Für ein Kuppelkino in Berlin produzierte er «Panorama Berlin».

In Los Angeles gestorben

Ernst A. Heiniger starb kinderlos am 19. Juli 1993 in Los Angeles. Sein Tod wurde in der Schweiz erst vier Wochen später bemerkt. In einem Nachruf in der NZZ heisst es, Heiniger sei ein «Pionier der professionellen Photographie in der Schweiz» gewesen und als Kameramann und Filmemacher habe er es dank seiner technischen Versiertheit und seines gestalterischen Könnens nach Hollywood geschafft.

Der Regisseur des neuen Schellen-Ursli-Films, Oscar-Preisträger Xavier Koller, kommt zum Filmstart am 17. Oktober um 14 Uhr ins Cinema Liberty in Weinfelden.

Das Titelbild des berühmten Kinderbuches «Schellen-Ursli». (Bild: Orell Fuessli /keystone)

Das Titelbild des berühmten Kinderbuches «Schellen-Ursli». (Bild: Orell Fuessli /keystone)

Not und Tilli Schlegel spielten in Ernst A. Heinigers «Schellen-Ursli». In Chur trafen sie den Ursli des neuen Films, Jonas Hartmann. (Bild: Yanik Bürkli/Die Südostschweiz)

Not und Tilli Schlegel spielten in Ernst A. Heinigers «Schellen-Ursli». In Chur trafen sie den Ursli des neuen Films, Jonas Hartmann. (Bild: Yanik Bürkli/Die Südostschweiz)

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