Vom Oberthurgau in den Jihad

Ein 21jähriger Arboner kämpft seit vergangenem Jahr für einen Ableger der Al Qaida in Syrien. Seit Oktober hält er dort seine 22jährige deutsche Frau fest. Die Bundesanwaltschaft führt eine Strafuntersuchung gegen den Mann.

Andri Rostetter
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«Ich bin hergekommen, um die Köpfe der Kufar abzuschlagen.» Solche Nachrichten schickt der 21jährige Onur* aus dem syrischen Kriegsgebiet in die Schweiz. Es sei seine Pflicht, die Kufar, die Ungläubigen, zu bekämpfen. Und er droht: «Irgendwann sind wir in Deutschland und in der Schweiz und erobern eure Länder.»

Onur hat sich im vergangenen Spätsommer mit grosser Wahrscheinlichkeit der Al-Nusra-Front angeschlossen, einer Terrororganisation mit Verbindungen zur Al Qaida. Das berichteten gestern die SRF-Sendung «Rundschau» und die «Stuttgarter Nachrichten». Der Logistikfachmann lebte mit seiner 22jährigen Frau Johanna* seit 2013 in Arbon in einem Mehrfamilienhaus. Gemäss den Medienberichten reiste Onur 2014 über Hamburg und die Türkei nach Syrien. Wenige Wochen später sei ihm seine Frau gefolgt. Ursprünglich habe sie nur eine Woche bleiben wollen. Bis heute werde sie aber von ihrem Mann im Kriegsgebiet festgehalten – in der syrischen Region Idlib. Am Montag soll sie ein Kind zur Welt gebracht haben. Die «Rundschau» spielte gestern Tondokumente mit Hilferufen der Frau ab: «Ich will nach Hause, bitte helft mir.»

Kontakt mit «Lies!»-Bewegung

Onur stammt aus einer türkischen Grossfamilie, seit 1995 hat er den Schweizer Pass. Die Frau kommt ursprünglich aus Tübingen. Laut einem Facebook-Eintrag soll sie 2013 zum Islam konvertiert sein. Kennengelernt haben sich die beiden über eine Heiratsvermittlung. Wie sich Onur radikalisiert hat, zeichnete die Sendung gestern in ihrem Bericht nach. Der junge Mann sei früher integriert gewesen, habe Fussball gespielt und Parties gefeiert. Spätestens vor zwei Jahren soll er mit der «Lies!»-Bewegung in Kontakt gekommen sein. Die Bewegung verteilt in deutschen und Schweizer Städten den Koran an Fussgänger. Ihr Ziel ist eine möglichst grosse Verbreitung des Islams. «Lies!»-Initiant Ibrahim Abu Nagie ist bekannt für eine radikale Auslegung des Korans.

Von Zentralrat unterstützt?

Hinter «Lies!» steht die deutsche Organisation «Die wahre Religion». Onur soll sich für den Schweizer Ableger von «Lies!» engagiert haben. Seine Frau ist über diese Bewegung in Kontakt zum Islam gekommen. Wie der Islamwissenschafter Rainer Schulze von der Universität Bern gegenüber dem «Bund» sagte, ist anzunehmen, dass «Lies!» in der Schweiz durch den Islamischen Zentralrat unterstützt wird.

Strafuntersuchung seit 2014

Die Bundesanwaltschaft führt gegen Onur seit November 2014 eine Strafuntersuchung. «Der Mann gilt als mutmasslicher Jihadreisender», sagt Mediensprecherin Jeannette Balmer auf Anfrage. «Er hat die Schweiz im Herbst verlassen und wird verdächtigt, nach Syrien gereist zu sein, um sich dort einer terroristischen Organisation anzuschliessen.» Die mutmassliche Festhaltung der Frau ist laut Balmer aber nicht Gegenstand der Schweizer Ermittlungen.

Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) beobachtet die Jihadisten-Szene seit Jahren. Seit 2001 wurden 65 Personen mit jihadistischen Motiven registriert, die in Konfliktgebieten waren oder immer noch dort sind. 43 reisten nach Syrien und Irak, 22 nach Afghanistan, Pakistan, Jemen oder Somalia. Gemäss den Zahlen des NDB sind zehn ums Leben gekommen.

Seit zwei Jahren beobachtet der NDB in den Sozialen Medien Personen, die Sympathien für extremistische Ideologien zeigen. Der Nachrichtendienst fordert für den Kampf gegen Jihadisten aber zusätzliche Kompetenzen. Am übernächsten Montag behandelt der Nationalrat das neue Nachrichtendienstgesetz. Mit ihm soll der NDB die Kompetenz erhalten, unter bestimmten Voraussetzungen in Computer einzudringen, Telefone anzuzapfen und private Räume zu verwanzen.

*Name geändert

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