Vom Kommen und Gehen

Turmspatz

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«Himmeltraurig!» Mein Freund Amsel landet neben mir auf der kahlen Linde. «Was?» Ich schaue auf den Untersee hinaus. «Na dieses Brain-Dings, das hier überall läuft.» Er zeigt auf die jungen Leuten, die vor einer Halle an einem langen Rumpf herumwerkeln. «Meinst du Brain-Drain? Was hat das mit dem Hochsee-Katamaran zu tun, der hier gebaut wird? Und warum brauchen alle Leute immer englische Ausdrücke, obwohl sie die Bedeutung nicht genau kennen?» «Warte nur.» Herr Amsel zieht sein Smartphone hervor. «Da ist es. Brain-Drain bedeutet Abfluss von Gehirnleistung.» «Was hat das mit uns zu tun?» «Hier in Steckborn wurde die Firma Corvaglia gegründet, die nun in Eschlikon für die Welt produziert. Und auch die Versand­apotheke Zur Rose hatte ihre Anfänge bei uns. Jetzt sind die Firmen weg.» Herr Amsel zeigt auf die Bootsbauer. «Das hat System. Und es wird auch noch vom Kanton unterstützt. Eine grosse Verschwörung, um uns zu schwächen.» «Jetzt übertreibst du aber.» «Dann sag mir mal, warum die Regierung den Bau dieses Bootes unterstützt? Doch nur, damit unsere Jungen die Chance bekommen, auf dem Meer zu segeln und die Welt kennen zu lernen. Am Schluss sind alle weg, und niemand interessiert sich mehr für uns am Untersee.» Herr Amsel ist laut geworden. «Beruhige dich.» Ich zeige hinüber auf die Seestrasse. Gerade steigt ein elegant gekleidetes Paar aus einer Limousine. «Es gibt auch Leute, die hierherkommen. Mit der neuen Galerie sind wir ein Zentrum für grosse Kunst. Wir haben Theater, Literatur, Musik. Wer uns vergisst, ist ein barbarischer Prolet und Rowdy. Die Fremdwörter kannst du nachschlagen, sie stimmen.»