Vier starke Dachse in einer Nacht

KRILLBERG. Im Frühling locken die grünen Wiesen und lauen Temperaturen die Tiere aus dem Wald. Jäger und Förster in Wängi nutzen die Gelegenheit und zählen das Wild. Über 80 Rehe, mehr als 30 Geissen und 14 Füchse halten sie heuer fest.

Ruth Bossert
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Herren und Künzi beobachten das Wild vom Auto aus. (Bild: Donato Caspari)

Herren und Künzi beobachten das Wild vom Auto aus. (Bild: Donato Caspari)

Der Abend scheint ideal. Die paar Regentropfen stören kaum, und der leicht einsetzende Wind könnte eher den Tieren helfen, die Jäger zu riechen, bevor diese sie gesehen haben.

Die erfahrenen Jäger der Jagdgesellschaft Wängi-Heidelberg wissen aber, wie ihre Tiere ticken. Sie sind vorbereitet. Die Zähllisten für das Wild liegen ausgearbeitet auf dem Tisch bei Pächter Martin Ebner, als sich vier Jäger und Pächter bei ihm in Krillberg treffen.

Mit zwei Autos will man ein Gebiet von 1056 Hektaren – davon 228 Hektaren Wald – zwischen Aadorf, Wängi, Möriswang, Ragatz, Eschlikon, Ifwil und Maischhausen abfahren. An bekannten Plätzen, wo sich die Rehe häufig aufhalten, wollen die Männer die Tiere nicht nur zählen, sondern nach Möglichkeit gleich nach Geschlecht unterteilen.

Im Dunkeln die Tiere zählen mit der Handscheinwerferlampe: In Krillberg sichten Jäger und Förster am Waldrand ein Reh. (Bilder: Donato Caspari)

Im Dunkeln die Tiere zählen mit der Handscheinwerferlampe: In Krillberg sichten Jäger und Förster am Waldrand ein Reh. (Bilder: Donato Caspari)

Diamanten in der Nacht

In der Zwischenzeit ist es finster geworden. Die Gesellschaft verteilt sich auf zwei Fahrzeuge. Ausgerüstet mit einer starken Handscheinwerferlampe und Feldstechern fahren die Jäger auf holprigen Wald- und Wiesenstrassen durch die Nacht. Plötzlich: zwei funkelnde Diamanten in der Dunkelheit.

«Ich denke, das ist eine Geiss», sagt Beat Wolf, Mitpächter und Jäger aus Sirnach. Er sitzt neben Ebner im Auto und sucht mit dem Licht die Waldränder ab. «Es sind sogar zwei oder drei – bestimmt Jährlinge», sagt Martin Ebner. Seine Partnerin Rosmarie Studer hält auf dem Hintersitz die Tiere mit Strichen auf der Liste fest. «Hier ein Bock», ruft Ebner. Die Striche mehren sich. Ebner greift zum Feldstecher, und Wolf gibt ihm recht: «Ein Prachtskerl.»

Hintern und Geweih erkennen

Die geübten Jäger erkennen Geschlecht und Alter des Wilds an der Form des Hinterteils, am Geweih und an der Statur. Aber auch die Erfahrung hilft ihnen. Oft sehen sie die Tiere an derselben Stelle grasen.

Die Autofenster sind weit geöffnet. Die nächtliche Kälte kriecht langsam ins Innere des Fahrzeugs, für die Knie liegt eine Wolldecke bereit. Immer wieder hält Ebner auf den schmalen Strassen, Wolf zündet die Waldränder ab, die beiden zücken ihre Feldstecher. «Nichts», sagt Wolf. «Wo sind denn heute Abend die Rehe, die ich so oft gesehen habe?»

«Hier, ein Reh!», ruft er dann. «Fehlanzeige. Das ist eine Katze.» Alle lachen und Ebner fährt weiter. Oberhalb des Schützenstandes, bei der Gartenanlage zwischen Eschlikon und Ifwil, ist nichts los. Weder Reh noch Fuchs sind am Äsen, geschweige denn, dass ein Hase umherhoppeln würde.

Dann, plötzlich, wird Martin Ebners bedächtige Stimme hastig. «Ein Dachs, wirklich ein Dachs.» Das Gefährt hält an, die Schreiberin notiert und die beiden Jäger sind sich einig. «Ein starker Dachs.» Der ist schon wieder im Dickicht verschwunden. Kurze Zeit später – alle sehen ihn gleichzeitig: noch ein Dachs, ein dritter folgt nach wenigen Minuten.

«Weidmannsheil»

Kurz vor 23 Uhr, nachdem die Route abgefahren ist, trifft man sich wieder in Ebners Wintergarten. Gläser stehen bereit, und eine Käseplatte wird aufgetischt. «Wie sieht's aus?» Ebner und Förster Christian Künzi aus der anderen, der zweiten Jagdgruppe, zählen die Striche zusammen. «81 Rehe, davon 17 ältere Böcke, 13 Jährlingsböcke, 15 Schmalrehe, 36 Geissen, 14 Füchse, vier Dachse und drei Hasen», sagt Ebner. «Eine schöne Bilanz.»

Pächter Martin Ebner schaut Künzi, der nicht nur sein Freund, sondern auch der neue Revierförster ist, in die Augen. «Wir bleiben bei 160 Tieren, auf vier Jahre verteilt. Macht 40 Tiere für dieses Jahr», sagt Künzi. Alle Jäger nicken. Sie nehmen das Glas mit dem Roten in die Hand und stossen an – «Weidmannsheil».

Walter Herren, Sepp Störchli und Christian Künzi auf der Pirsch. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))

Walter Herren, Sepp Störchli und Christian Künzi auf der Pirsch. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))