Vier Rationen Morphium täglich

Sonja Stivanello hat derartige Schmerzen, dass ihr nur noch Morphium hilft. Die 70jährige Goldacherin ist pflegebedürftig. OhO ermöglicht ihr den Umzug in ein kleineres Appartement und verhilft ihr zu neuem Mobiliar.

Samuel Koch
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Sonja Stivanello in der Stube ihrer jetzigen Wohnung. Ab März wohnt sie in einem kleineren, behindertengerechten Appartement. (Bild: Hanspeter Schiess)

Sonja Stivanello in der Stube ihrer jetzigen Wohnung. Ab März wohnt sie in einem kleineren, behindertengerechten Appartement. (Bild: Hanspeter Schiess)

GOLDACH. Mehr als ein Dutzend Tabletten schluckt sie jeden Tag. Der farbige Pillencocktail beinhaltet nicht nur das starke Schmerzmittel Morphium. Sie braucht auch Medikamente gegen zu hohen Blutdruck, einen Magenschoner und solche gegen die ständigen Nebenwirkungen. «Mein Arzt sagte, dass ich die Schmerzen ohne Morphium nicht aushalten würde», sagt Sonja Stivanello.

Die 70-Jährige leidet seit 15 Jahren an einer sehr seltenen und unheilbaren Krankheit. «Ich habe immer weniger Kraft und jede Hausarbeit ist für mich mit doppeltem Aufwand verbunden», sagt sie. Die Krankheit im Beckenbereich zeigt sich dadurch, dass sie mehrmals ohne Fremdeinwirkung Brüche am Becken oder am Schambein erlitt. Bei der Diagnose hätten ihr die Ärzte des Universitätsspitals Zürich gesagt, dass nur noch wenig andere Menschen in Europa davon betroffen seien.

«Dann wirst du zum Tier»

Der tägliche Konsum von Morphium über Jahre machte Stivanello abhängig. Nimmt sie keines, leidet sie unter Entzugserscheinungen. «Dann wirst du zum Tier, schreist und zitterst», sagt sie. Das sei einfach nur grauenhaft und das gönne sie niemandem. Seither ist sie zum Nichtstun verdammt. «Laut den Ärzten darf ich nichts machen und auch nichts lupfen – auch wegen der fünf versteiften Rückenwirbel.» Heute könne sie nicht mehr als drei Kilo Gewicht tragen, sagt Stivanello.

Aufgewachsen ist Stivanello in Gommiswald. Als jüngste Tochter mit sechs Geschwistern musste sie schon als Mädchen im Käsereibetrieb der Eltern mithelfen. Das Käseschleppen von damals ist ihrem Körper nicht gut bekommen. «Das war aber eine unvergessliche Zeit», sagt sie heute. Bereits im Alter von zarten 16 Jahren zog sie von zu Hause weg. Mit Putzen verdiente sie ihren ersten Lohn und arbeitete sich im Gastgewerbe hoch.

Kleine Augenblicke des Glücks

Schon als junge Frau kämpfte Stivanello gegen ihr Schicksal. «Ich hatte schon immer irgendein Leiden, habe mich aber immer irgendwie durchgebissen», sagt sie. Mit 18 Jahren erkrankte sie am Guillain-Barré-Syndrom. «Ich konnte nicht mal mehr eine brennende Kerze ausblasen.» Sie überwand die meist tödlich endende Nervenkrankheit und genas, musste aber wegen Lähmungserscheinungen wieder laufen lernen. Später kamen Knieprobleme dazu und vor 15 Jahren wurde sie wegen der Beckenkrankheit zum Sozialfall.

Heute lebt Stivanello von Ergänzungsleistungen, der Invalidenversicherung und der kleinen Hilflosenentschädigung. Einmal wöchentlich helfe ihr die Spitex, «damit ich mich wenigstens einmal richtig waschen kann». Es gehe ihr den Umständen entsprechend gut. «Ich will nicht jammern und wie viele andere Mitleid erwecken.» Sie freue sich vermehrt über kleine Glücksmomente im Leben. «Kürzlich hat mich ein Freund nach Amriswil gefahren und ich konnte abends das Lichtermeer sehen», sagt Stivanello mit funkelnden Augen und einem Lächeln. Der Kontakt zu Freunden und ihrem behinderten Sohn hält die 70-Jährige auf Trab.

Am meisten freut sie sich jetzt aber auf ihr neues Heim. Denn in ihrer Wohnung mit viereinhalb Zimmern wohnt sie nur noch bis Ende Februar. Dann zieht sie nach Rorschach in eine behindertengerechte Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung. OhO ermöglicht ihr nicht nur den Umzug, sondern bezahlt ihr auch neue Möbel. «Ich bin den Spenderinnen und Spendern von OhO sehr dankbar», sagt Stivanello.

Bild: SAMUEL KOCH

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